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Im Fluss der Geschichte - der Rhein

Beitrag von Willi Andreas Weishaupt

 

Der Rhein ist ein alter Fluss. Über die Jahrtausende hat er seinen Namen behalten, was auch bei Flüssen selten ist.

Für Geologen ist der Rhein jung, noch nicht einmal 12 Millionen alt.

Anfangs floss der Alpenrhein gen Süden, zur oberen Rhône.

Danach über die mittlere Rhône ins Mittelmeer.

 

 

 

 

 

Arnold Forstmann: Nonnenwerth, Rolandseck und Drachenfels
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Als sich der Rheingraben immer weiter senkte, fand er als einziger Alpenfluss seinen Weg nach Norden.

Die gewaltigen Wassermassen des Alpenrheins ließen den kleinen Ur-Rhein, einem Mittelgebirgsfluss, der bei Freiburg seinen Anfang nahm, zum Vater Rhein werden.

 

Man stelle sich vor, der Rhein hätte einen anderen Weg gefunden.

Städte wie Straßburg, Worms oder Koblenz lägen, wenn sie denn überhaupt gegründet worden wären, nicht an einem sie verbindenden Fluss, sondern am Rande einer gewaltigen Schlucht ähnlich (wenn auch kleiner) dem heutigen Grand Canyon oder dem afrikanischen Rift Valley.

 

Aber so kam es nicht. Der Rhein floss gen Norden.

Die Lachse zogen rheinaufwärts.

Für unsere Vorfahren war der Rhein eine wichtige Handelsroute.

Schon vor vielen Jahrtausenden wurden Waren wie Bernstein, von der Nord- und Ostseeküste über Rhein und Rhône, Mittelmeer und Nil nach Afrika und bis nach Asien exportiert.

 

Wie sah er aus, der Rhein, damals, vor mehr als 200 Jahren?

 

 

Johann Ludwig Bleuler: Zusammenfluss von Rhein und Ill,
von Nordosten (bei Meiningen, Vorarlberg; gegenüberliegende Rheinseite: Oberriet, Kanton St. Gallen); Aquatinta, koloriert
via Wikipedia Commons

 

Der Alpenrhein war wild und nur sehr eingeschränkt schiffbar. Der Rheinfall war und ist auch heute noch eine unüberwindbare Barriere für den Schiffsverkehr.

Der Oberrhein war ein kilometerbreiter Strom, mit aufgespülten Sandinseln, Treibsand, breite flache, sumpfige, tote Arme. Jedes Frühjahr (nach der Schneeschmelze in den Alpen) trat er über seine vielen Ufer (es gab nicht nur einen, sondern drei Fluss-Arme, die sich veränderten, mäanderten) und überflutete riesige Flächen.

Am Oberrhein umspülte der Fluss mehrere tausend Inseln.

Der Mittelrhein (von Bingen bis Bonn) war der Schrecken der Flößer und Schiffer.

Nicht nur eine schöne Frau verhexte dort die Männer, starke Strömungen und gewaltige Strudel, verursacht durch Felsen im Fluss, machten die Durchfahrt zum gefährlichen Abenteuer.

Das Binger Loch verhinderte die durchgehende Befahrung des Rheins.

 

Ab Köln war das Flussbett breit und tief und für die Seeschifffahrt geeignet.

Aber der Rhein war immer ein verbindender Fluss.

 

Nikolai von Astudin: Blick auf Köln
via Wikipedia Commons

 

Ein Grenzfluss wurde er erst in römischer Zeit.

Auf Galeeren und Flößen brachten die Römer ihre Soldaten in Stellung.

Innerhalb von 10 Tagen errichteten sie eine 400 m lange Holzbrücke über den Rhein (zwischen Andernach und Koblenz) um einen Rachefeldzug gegen die Germanen zu führen. Nach dem erfolgreichen Rückzug der römischen Legionen wurde die Brücke wieder abgebaut.

Der Rhein floss nun durch römische Provinzen und beförderte die Güter, die den Reichtum von Rom begründeten.

Hierzu wurden Städte gegründet, Straßen und Häfen gebaut, Flussmündungen befestigt.

Straßburg, Seltz, Worms, Mainz, Bingen, Koblenz, Remagen, Bonn, Köln, Neuss, Xanten, Kleve, fast alle linksrheinischen Städte haben römische Wurzeln.

Ein buntes Völkchen bewohnte die Städte.

Dann zogen die römischen Garnisonstruppen ab und neue Herren kamen.

 

Johann Adolf-Lasinsky: Koblenz-Ehrenbreitstein, 1828
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So auch in Worms. 413 ließen sich die Burgunder dort nieder.

Sie kamen von der Ostsee und wurden von den Römern in Worms angesiedelt um dort deren Grenzen zu sichern. Ihnen aber lag mehr daran die römische Oberherrschaft abzuschütteln, was ihnen jedoch nicht gelang. Erst wurden sie von den Römern geschlagen (435) und ein Jahr später von den in die Rheinebene einbrechenden Hunnen fast vernichtet.

Dieses Trauma floss in den Erzählungen ihrer und anderer Nachfahren ein.

Ein anonymer Autor (1) hat in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts diese damals sehr beliebten Heldensagen zusammengefasst.

Heute kennt man sie unter dem Namen „Nibelungenlied“.

 

       Knud Seckel singt das Nibelungenlied

 

 

 

 

 

 

 

 

Siegfrieds Tod
via Wikipedia Commons

 

Und folgt man diesen Gesängen und Versen, hat der Rhein bei Worms den „Nibelungenhort“, seinen gewaltigen Goldschatz bis in die heutige Zeit sicher verwahrt. Noch heute findet man Gold im Rhein.

 

An einem Frühlingstag im Jahr 723 verlässt ein 50-jähriger Engländer die Stadt Mainz.

Seit kurzem ist er Bischof und seitdem rastlos unterwegs. Er ist nicht allein, sondern fränkische Soldaten, Handwerker und Zimmerleute, Schmiede und Steinmetze begleiten ihn.

Die Expedition hat das Ziel Stützpunkte des Glaubens zu errichten und das Christentum von den heidnischen Irrlehren zu „reinigen.“

Der Engländer, der später unter seinem vom Papst ausgewählten Namen Bonifatius heilig gesprochen wurde, erreichte die Büraburg (beim heutigen Fritzlar), ein fränkisches Bollwerk, ein Außenposten. Dorthin konnte er sich zurückziehen, falls sein angekündigter Coup, die seit Urzeiten dem Gott Thor geweihte Eiche zu fällen, misslingen würde.

 

Wirken und Martyrium des Bonifatius
via Wikipedia Commons

 

Bonifatius fällte den Lebensbaum und hatte, da die göttliche und damit auch die menschliche Vergeltung auf diesen Frevel ausblieb, die Zweifler von der Macht des Christentums überzeugt und zudem Bauholz für eine Kapelle.

Bonifatius war ein ausgezeichneter Organisator. Er ordnete die Bistümer neu und so gab es lange vor einem politischen bereits ein kirchliches Deutschland mit der Hauptstadt Mainz am Rhein.

Die damaligen Bischöfe der Kirchenprovinzen waren „Kämpfer Gottes“.

Zwischen 886 und 901 kamen zehn Bischöfe im Kampf gegen die Normannen auf den Schlachtfeldern ums Leben.

 

Aber nicht nur die Bischöfe waren Wegbereiter der Missionierung.

Das waren auch die damaligen Klöster: Lorsch, Weißenburg, Fritzlar, Fulda und viele andere mehr.

 

Historisch sind wir in der mittelalterlichen Warmzeit angelangt. Auf Grönland wurde Wein angebaut, das Polarmeer war in beide Richtungen schiffbar.

Im dichten Morgennebel fuhren Piratenschiffe rheinaufwärts.

Die Drachenboote der Wikinger erreichten Köln.

Die Wikinger kannten sich aus. Sie waren nicht zum ersten Mal hier.

Schon lange betrieben sie mit ihren einzigartigen Schiffen Handel - auch auf dem Rhein.

 

via Wikipedia Commons

 

Auch jetzt wurde „verhandelt“. Die Städte am Rhein (Dorestad, Xanten, Duisburg, Köln, Bonn, Andernach und andere) mussten entweder Schutzgeld bezahlen oder wurden kurzerhand geplündert und niedergebrannt. Kirchen, Klöster und reiche Höfe waren davon nicht ausgenommen.

 

Am 1. Mai 1006 erleuchtete plötzlich ein grelles Licht das südliche Firmament. Die heute als SN 1006 bezeichnete Supernova war wahrscheinlich das hellste Gestirn, das jemals den Himmel erleuchtete (2).

 

Am den Ufern des Rheins begann ein Bauboom.

Romanische Basiliken wie der Mainzer Dom oder St. Pantaleon in Köln entstanden.

In St. Pantaleon liegt Theophanu, die erste Kaiserin des ostfränkisch-deutschen Reiches begraben. Sie selbst hätte dieser Wortwahl widersprochen, sie war der Kaiser.

 

Köln im Jahr 1499
via Wikipedia Commons

 

Köln war im Mittelalter die größte und reichste Stadt Deutschlands. Ihre Kaufleute handelten mit Venedig, Flandern, England. Viele englische Kaufleute lebten in Köln, englische Münzen waren ein gültiges Zahlungsmittel.

Im 12. Jahrhundert verlieh der englische König Heinrich II. den Kölner Kaufleuten guildhall die Gildehalle in London.

Sein Sohn Richard Löwenherz, der auf seinem Heimweg vom Kreuzzug in Gefangenschaft geriet wurde mit dem Geld der Kölner Kaufmannsleute freigekauft. Als Dank verlieh Richard ihnen üppige Privilegien, wie sie keine andere deutsche Stadt damals innehatte.

Dies interessierte die Lübecker und darauf bauten auch die Privilegien der Ostseestädte des 13. Jahrhunderts, aus denen sich die Gemeinschaft der niederdeutschen Kaufleute, die hansa Alemanie, entwickeln sollte (3).

Die Hanse entstand nicht (nur) in Lübeck, sie hat ihre Wurzeln auch am Rhein und natürlich im Ausland.

 

Die rheinischen Städte existierten nicht nur innerhalb von Staaten, manche waren Staaten.

Dieses Streben nach eigner Stärke und der Suche nach Bündnispartnern führte im Jahr 1254 zum ersten Rheinischen Städtebund.

Fast 60 Rheinstädte schlossen sich zusammen. Die Handelswege sollten durch eine eigene Flotte geschützt und die Zollstationen (es gab über dreißig) reduziert werden. Und obwohl auch einige Landesfürsten diese Forderungen der Städte unterstützen, war man nicht einig und mächtig genug, dies durchzusetzen und so zerfiel dieses Bündnis innerhalb kurzer Zeit.

 

Aber der Geist der Stadtluft, die Luft die frei macht, verbreitete sich vom Niederrhein bis nach Lothringen.

Die freien Städte wurden immer reicher und mächtiger. Doch sie waren nur Inseln im Fluss.

Links und rechts des Rheins galt ein anderes Recht, nämlich das der herrschenden Fürsten.

Hier die reichen Städte, mit ihren Bürger- und Zunftrechten, aber nicht Willens politisch über die städtischen Grenzmauern hinaus zu blicken.

Keine rheinische Stadt, außer Basel, liegt auf beiden Seiten des Flusses.

Dort die Fürstentümer, untereinander vernetzt oder verfeindet, manche geführt von Egomanen, alle fürchterlich wichtig. Viele lebten gut, besonders von ihren Untertanen.

 

Aber die taten sich zusammen.

1525 wurde in Memmingen die erste europäische Menschenrechts-Deklaration „die Zwölf Artikel“ verfasst und gedruckt und am Rhein wurden von der Gemeinschaft geplante Deiche gebaut.

Neue Ideen setzen sich schnell durch. Nach Gutenberg gab es kein Halten mehr.

Im 16. Jahrhundert wurden in Europa über 200 Millionen Bücher gedruckt.

 

Was das mit dem Rhein zu tun hat?

 

Um 1500 gab es in Haguenau über 30 Druckereien.

Thomas Anshelm von Badensis (Baden-Baden) druckte in Tübingen, Haguenau und Pforzheim die Werke Reuchlins und damit auch die ersten hebräische Texte in Deutschland.

Die Hälfte aller Schriften Luthers wurde in Straßburg gedruckt.

Und der Rhein verbreitete sie.

 

Als 1581 die Republik der sieben Vereinigten Provinzen (die heutigen Niederlande) ihre Unabhängigkeit proklamierte, kam es zu einem Einschnitt.

Mitten durch den Rhein ging nun die Grenze zwischen den calvinistischen Niederlande und dem katholischen späteren Belgien.

Damit wurde der Rhein endgültig zum Grenzfluss und die erste Rhein-Achse entstand.

Unser Lachs kannte keine Achsen, geomagnetische vielleicht. Er schwamm, wie seit Jahrtausenden, den Rhein und seine Nebenflüsse hinauf.

Im 17. Jahrhundert wurden am Rhein Massen von Lachsen gefangen.

 

„... Die grösten Salmen bey unß, kommen biß uff ein halben Centner schwer“, berichtet uns ein Straßburger Fischer (1647).

 

Während dessen reihte sich Krieg an Krieg. Der achtzigjährige Krieg, der den Niederlande die Freiheit brachte, der dreißigjährige Krieg (mit dem Seekrieg auf dem Bodensee), in dem die Bevölkerung, vor allem die Süddeutschlands, magdeburgisiert wurde, der neunjährige Krieg - der Rhein sah unendliches Leid und trug viele in ihr kaltes, feuchtes Grab.

 

Auch am Rhein wurde es immer feuchter und kälter.

In manchen Jahren regnete es sintflutartig. Der Rhein überschwemmte Städte und Felder. Es gab keine Ernten. Hunger herrschte.

Die Winter waren lang und kalt, und der Rhein fror für viele Monate zu.

 

Kleine-Eiszeit

Bernhard Gottfried Manskirch (1736-1817), Volksfest auf dem zugefrorenen Rhein 1767,
Mittelrhein-Museum Koblenz
via Wikipedia Commons

 

Im Winter 1783 war es ab Dezember in ganz Europa außergewöhnlich kalt. Dann schneite es im Rheingebiet bis Ende Februar fast jeden Tag. Ein Wärmeeinbruch brachte das Eis und den Schnee zum Schmelzen und es regnete und regnete.

Die Eisflut brach los. Riesige Eisschollen und entfesselte Wassermassen zerstörten Brücken, Häuser, ja ganze Dörfer mit all ihren Menschen fielen dem Rhein zum Opfer.

Die „kleine Eiszeit“ ließ die Bevölkerung hungern und sterben.

Adel und Klerus waren von direkten Steuern ausgenommen, erhoben ihrerseits weitere Abgaben auf Besitzveränderungen oder Erbschaften, forderten erweiterte Jagdrechte, und da sind wir wieder beim Lachs, der nie ein „Arme Leute Essen“ war.

 

Lachs800

Ein Lachs, Heinrich Lihl, Werkstatt um 1750,
bez. „disen Lachs haben Ihro durchl. Herr Margraff von Baden-Baden in dem Mürgener laxfang gestochen..“, Dauerleihgabe der Sparkasse Rastatt-Durlach, Stadtarchiv Rastatt

 

„Dem gemeinen Volk“ war es verboten Lachse für den Eigenbedarf zu fischen (4).

Die Franzosen nahmen die amerikanische Unabhängigkeitserklärung (und ihre leeren Mägen) zum Anlass und revoltierten. Andere versuchten, den nächsten Tag zu überleben.

Wieder zogen Armeen über den Rhein, Blücher am 1. Januar bei Kaub.

 

Blücher

Wilhelm Camphausen (1818-185), Blüchers Rheinübergang bei Kaub im Januar 1814,
Mittelrhein-Museum Koblenz
via Wikipedia Commons

 

Hier erreichte angeblich vor vielen Jahrhunderten der Mainzer Bischof Theonest das rettende Ufer nachdem ihn die Germanen in ein marodes Fass gesteckt und in den Rhein geworfen hatten. Dieser Bischof soll den Einwohnern den Weinbau gelehrt haben.

Blücher mochte Wein. In Paris gab es Rheinwein für die Sieger.

Mit der Industrialisierung Europas im 19. Jahrhundert ging es dem Rhein an den Kragen.

Ein Vertrag zwischen Baden und Frankreich ermöglichte 1842 den Beginn der großen Rheinbegradigung, die Johann Tulla bereits vor 20 Jahre vorgeschlagen hatte. (6)

Auch die Felssprengungen am Binger Loch (ab 1850) erleichterten die Arbeit der Flößer und begünstigte die Schifffahrt. Nun war der Rhein von Basel bis Rotterdam schiffbar.

Rotterdam ruht auf den mächtigen Baumstämmen des Schwarzwalds.

Die „Holländer-Flöße“ boomten und 1856 verkaufte die „Rheinische Dampfschiffahrts-Gesellschaft“ bereits über eine Million Fahrscheine für eine Fahrt auf dem Rhein.

Dann war da noch ein Poet, Weltbürger und Revolutionär. Der überquerte 1848 bei Straßburg den Rhein, zusammen mit einem bunten Haufen, bestehend aus ca. 700 deutschen Handwerkern aus Paris, und um die 200 Franzosen waren auch dabei. Sie alle wollten der deutschen Revolution zum Sieg verhelfen. Einige Jahre zuvor hatte der von H. Heine als „eiserne Lerche“ bezeichnete Poet den Rhein „besungen.“ (7)

Heine selbst verfasste seine berühmten Verse über die „Lore-Ley“, die 100 Jahre später L. Feuchtwanger neu interpretierte. (8)

 

Loreley800

Louis Bleuler, Blick auf die Loreley und auf den Lachsfang
via Wikipedia Commons

 

Der Rhein als deutsches Gut wurde im neuen Kaiserreich immer aggressiver thematisiert.

Die (in)offizielle Nationalhymne der Deutschen war „Die Wacht am Rhein“,

mit den Zeilen: „...Reich, wie an Wasser..., ist Deutschland ja an Heldenblut!“

Wer kein Held sein wollte, war einsam. Auch Jahrzehnte später.

 

Lorenz Clasen 1860 - Germania auf der Wacht am Rhein
via Wikipedia Commons

 

1932 veröffentlichte Erich Kästner seinen „Handstand auf der Loreley“. (9)

 

13 Jahre später war es vorbei mit den Helden. Der Rhein floss durch zerstörte, zerbombte Städte und verwüstete Landschaften.

Millionen deutscher Kriegsgefangene wurden nach Kriegsende in den „Rheinwiesenlagern“ interniert.

 

Dann kam das Wirtschaftswunder. Der Rhein jedoch verkam zur Kloake und der letzte Lachs kämpfte sich durch die stinkende Brühe.

Ende der 1970er Jahre erfolgte ein Umdenken. Klärwerke wurden gebaut, Einleitungen der Industrie reduziert.

Naturfreunde setzten Lachse aus, doch nur an der Sieg hat er wahrscheinlich eine Chance zurückzukehren.

 

Seit zwei Generationen hat der Rhein keinen Krieg mehr gesehen.

 

Man hat ihn ausgezeichnet und in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Aber noch immer braucht ein Wassertropfen einen Monat von der Quelle bis zur Mündung.

 

 

(1)       Heutzutage wird Bligger II. von (Nekkar-) Steinach, der um 1200 am Hof der Wormser Bischöfe lebte und arbeitete als Verfasser des Liedes angesehen.

 

(2)       Außer der Sonne natürlich. Die Supernova war jedoch so hell, dass man sie monatelang auch bei Tag sehen konnte und jahrelang mit bloßem Auge des Nachts.

 

(3)       Gisela Graichen, Rolf Hammel-Kiesow, Die deutsche Hanse, rowohlt, 2011

 

(4)       Die ländliche Bevölkerung war ohne Rechte, sie waren Sklaven der Großgrundbesitzer.

Ihre winzigen „eigenen“ Parzellen mussten intensiv genutzt werden, so z.B. in Irland mit Kartoffeln. Als dort 1845 ein Pilz die gesamte Kartoffelernte vernichtete, hatten die Iren nichts mehr zu essen, da alle Felderzeugnisse nach England verschifft wurden. Als die Iren verhungerten, verließen jeden Tag Schiffe beladen mit Weizen, Gerste, Gemüse, usw. die Häfen von Irland.

                
 

(5)       Vor 200 Jahren (1815) brach in Indonesien der Vulkan Tambora aus, die heftigste Vulkaneruption seit 25.000 Jahren (VEI: 7). Der Himmel verdunkelte und färbte sich. Das „Jahr ohne Sommer“ begann. Viele Jahre gab es keinen Sommer. In den Mittelgebirgen von Europa und in weiten Teilen Amerikas schmolz der Schnee übers Jahr nicht mehr; es schneite im Sommer. Im Sommer froren die Brunnen zu. Vielerorts gab es keine Ernten. Globale Windsysteme veränderten sich. Die Cholera kam nach Europa.

 

(6)       1825 veröffentlichte Johann Tulla sein Buch „Über die Rektifikation des Rheins von seinem Austritt aus der Schweiz bis zu seinem Eintritt in das Großherzogtum Hessen.“ Auf 88 Seiten beschreibt er die Ist-Situation am Rheingraben, schlägt, belegt durch Messungen, die Begradigung des Rheins vor und liefert eine Kosten-/Nutzen- Rechnung, die zeigt, dass das gesamte Wasservolumen nur bewältigt werden kann, wenn der Rhein sein Flussbett tiefer gräbt. Höhere Deiche bedeuteten höhere Kosten.

 

1876 waren die Bauarbeiten am Rhein beendet. Korrektionsdämme links und rechts begrenzten den Kanal, Hochwasserdämme im Hinterland sollten die Überschwemmungen stoppen. Der Rhein wurde kürzer, die Fließgeschwindigkeit nahm zu und der Rhein grub sich (bis zu 10m) in die Tiefe. Der Wasserspiegel sank, Felsen tauchten im Rhein auf, Felder vertrockneten, auch weil der Rhein nicht mehr über seine Ufer treten konnte.

Die „Korrektur“ des Rheins dauert bis heute an.

 

(7)       Rheinweinlied

Wo solch ein Feuer noch gedeiht,

Und solch ein Wein noch Flammen speit,

Da lassen wir in Ewigkeit

Uns nimmermehr vertreiben.

Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein,

Und wär’s nur um den Wein,

Der Rhein soll deutsch verbleiben.

........

Der ist sein Rebenblut nicht wert,

das deutsche Weib, den deutschen Herd,

Der nicht auch freudig schwingt sein Schwert,

Die Feinde aufzureiben.

Frisch in die Schlacht hinein!

Hinein für unsern Rhein!

Der Rhein soll deutsch verbleiben.

 Georg Herwegh

 

 

(8)      „Als ich den Rhein hinauffuhr, inmitten von Hochzeitspärchen,
sangen die zumeist aus Deutschland stammenden Leute,
sie seien traurig infolge alter Märchen,
und sie wüßten nicht, was das bedeute.

Wenn mein Sohn dergleichen Unsinn äußerte,
noch dazu singend,
würde ich sofort einen Arzt konsultieren.“

 

Lion Feuchtwanger, Rheinfahrt

 

(9)       Der Handstand auf der Loreley (1932)

(Nach einer wahren Begebenheit)

 

Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,

ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,

wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,

von blonden Haaren schwärmend, untergingen.

Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.                

Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.

Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,

bloß weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.

Nichtsdestotrotz geschieht auch heutzutage

Noch manches, was der Steinzeit ähnlich sieht.          

So alt ist keine deutsche Heldensage,

Daß sie nicht doch noch Helden nach sich zieht.

Erst neulich machte auf der Loreley

Hoch überm Rhein ein Turner einen Handstand!

Von allen Dampfern tönte Angstgeschrei,                  

als er kopfüber oben auf der Wand stand.

Er stand, als ob er auf dem Barren stünde.

Mit hohlem Kreuz. Und lustbetonten Zügen.

Man frage nicht: Was hatte er für Gründe?

Er war ein Held. Das dürfte wohl genügen.                  

Er stand, verkehrt, im Abendsonnenscheine.

Da trübte Wehmut seinen Turnerblick.

Er dachte an die Loreley von Heine.

Und stürzte ab. Und brach sich das Genick.

Er starb als Held. Man muß ihn nicht beweinen.          

Sein Handstand war vom Schicksal überstrahlt.

Ein Augenblick mit zwei gehobnen Beinen

Ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt!

P.S. Eins wäre allerdings noch nachzutragen:

Der Turner hinterließ uns Frau und Kind.                    

Hinwiederum, man soll sie nicht beklagen.

Weil im Bezirk der Helden und der Sagen

die Überlebenden nicht wichtig sind.

 

Erich Kästner

 

Parodie, Kästner folgt der Melodie des SA-Lieds „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!“

 

Literatur: 

  • Lucien Febvre, Der Rhein und seine Geschichte, Campus Verlag, 1995, eines der faszinierendsten Bücher über den Rhein
  • Gisela Graichen, Rolf Hammel-Kiesow, Die deutsche Hanse, rowohlt, 2011

 

Bildnachweis:

  • Bernhard Gottfried Manskirch (1736-1817), Volksfest auf dem zugefrorenen Rhein 1767, Mittelrhein-Museum Koblenz
  • Ein Lachs, Heinrich Lihl, Werkstatt um 1750, bez. „disen Lachs haben Ihro durchl. Herr Margraff von Baden-Baden in dem Mürgener laxfang gestochen..“, Dauerleihgabe der Sparkasse Rastatt-Durlach, Stadtarchiv Rastatt
  • Wilhelm Camphausen (1818-185), Blüchers Rheinübergang bei Kaub im Januar 1814, Mittelrhein-Museum Koblenz, Willy Horsch, Wikimedia Commons
  • Louis Bleuler, Blick auf die Loreley und auf den Lachsfang

 

 

 Willi Andreas Weishaupt 2015

          © Baden-GEO-Touren

 

 

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