Die Hurdy Gurdy Girls aus Butzbach
 
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte in weiten Teilen Europas große Not. Es war kalt, die kleine Eiszeit war noch nicht zu Ende. Die feuchte Kälte reduzierte die Ernteerträge, die Menschen hungerten.

1815 brach der Vulkan Tambora in Sumbawa, Indonesien aus. 

Der größte und gewaltigste Vulkanausbrauch in der dokumentierten Menschheitsgeschichte. 

Ca. 160 km³ pyroklastisches Material mit einer Masse von 140 Milliarden Tonnen wurden innerhalb eines Tages in die Atmosphäre geschleudert. (1)

Die Aschewolke verteilte sich um die gesamte Erde und führte 1816 in Europa und Nordamerika zu einem „Jahr ohne Sommer“.

„Im Juni verdunkelte sich wiederholt der Himmel und es schneite. Im August gab es mehrfach Frost“ berichteten die Zeitzeugen.

Die Pflanzen verkümmerten und die Tiere starben.

Die Aschewolke verbreitete sich mehrere Jahre lang in der Erdatmosphäre.

In der Wetterau, rund um den Vogelsberg und im Taunus waren die Böden mager und der Hunger groß. Die Not zwang die Bewohner zur Heimarbeit.  In den langen kalten Nächten stellten sie Korbwaren her, fertigten Hutschachteln und Fliegenwedel. (2)

Waren die kargen Äcker im Frühjahr bestellt verließen die Menschen ihre Dörfer. 

Wenige blieben. Das Vieh, das noch lebte, musste versorgt werden.

Viele arbeiteten als Erntehelfer, zogen bis nach Holland und brachten nach drei Monaten harte Gulden mit zurück. 

Andere verkauften ihre im Winter hergestellten Produkte in den großen Städten. 

Oft waren ganze Familienclans mit ihren Kindern unterwegs. 

Als die Eifel preußisch wurde revoltierte die Bevölkerung gegen die Schulpflicht. 

Die „Landgänger“ aus dem Hintertaunus zogen durch ganz Europa. 

Ihre Töchter sangen oberhessische Lieder in Paris und tanzten 

zur Drehleier in Petersburg. (3)

 

Die „Drehleier Mädchen“ nannte man jene junge Frauen, die zunächst mit dem Drehorgel- oder Drehleier- und Harmonikaspielern mitzogen, deren Instrumente trugen und vor allem durch ihr Tanzen, Singen und Betteln wesentlich zum Erfolg der Fahrten der hausierenden hessischen Landgänger beitrugen.
 

Drehleiermädchen 1737

Drehleiermädchen, Radierung, 1737

Museum Butzbach

 

Bald waren die Mädchen wichtiger als die Fliegenwedel.

Sie gingen „über Land“, reisten nach Holland, England, Schweden und Russland oder wanderten aus - in die neue Welt, nach Amerika. (4)

Das war nicht ungefährlich.

 

Warnung

Deutsches Auswanderer Haus Bremerhaven

 

Viele hessische Mädchen, die ihre Reisigbesen bis nach London verkauften, wurden von Schleppern als broom-girls (Besenmädchen) an Zuhälter verkauft.

In Amerika landeten viele der jungen Frauen als Hurdy Gurdy Girls in Saloons, Tanzhäusern und Bordellen. 

 

HGG Bakersville

Hurdy Gurdy Girls in Bakersville, 1865

Museum Butzbach

Nur wenige kamen als die reiche Tante aus Amerika wieder in ihre Heimat zurück. 

 

(1) Clive Oppenheimer: Climatic, environmental and human consequences of the largest known historic eruption: Tambora volcano (Indonesia) 1815. In: Progress in Physical Geography. 27, Nr. 2, 2003, S. 230–259. 

 

(2) Der reich verzierte und bunt bemalte Fliegenwedel war die Erfindung des Besenfabrikanten Ulm aus Espa. Ab 1817 war dieser praktische und schöne Wedel der Renner, die Fliegenwedelhändler etablierten sich unter den Sparten der Hausierer und verkauften ihre Fliegenwedel bis nach England.

 

(3) Die Drehleier (engl. hurdy gurdy), anfangs ein Kircheninstrument, war ein in der Bevölkerung über die Jahrhunderte hinweg sehr beliebtes Musikinstrument.

W.A. Mozart Deutscher Tanz KV 602/3

https://www.youtube.com/watch?v=I7TQCNxN0HY

Auch die Drehleierspieler wurden besungen.

Donovan, hurdy gurdy man

https://www.youtube.com/watch?v=jRsrDLkACTs

 

(4) Zwischen 1821 und 1912 wanderten ca. 6 Millionen Deutsche in die USA aus.

Friedrich Naumann, Die amerikanische Neutralität, Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst, Berlin, 1916

Auswanderung 1841 1859

Freiheitsmuseum Rastatt

Links zu Museen

Deutsches Auswanderer Haus, Bremerhaven

https://dah-bremerhaven.de

Museum der Stadt Butzbach

https://www.stadt-butzbach.de/kultur/museum/