Freudenstadt
 

ist eine auf dem Reißbrett geplante Stadt, konzipiert als archetektonisches Abbild der hierarchischen Gesellschaftsstruktur des 17. Jahrhunderts. (1)

Herzog Friedrich I. von Württemberg (1557-1608) (2) war deren Gründer. 

Der Ort war gut gewählt. Friedrich kontrollierte damit den Schwabenweg,den Handelsweg zwischen Ulm und Straßburg. Der führte von Oppenau hinauf zum Kniebispass. 

Im nahe gelegenen Christophsthal (Freudenstädter Revier) wurden seit dem 13. Jahrhundert Silber-, Kupfer- und Eisenerze abgebaut.

 

Christophstaler Münze Von Stadtarchiv Freudenstadt Landesbildungsserver Baden Württemberg Gemeinfrei

Christophstaler Münze Von Stadtarchiv Freudenstadt - Landesbildungsserver Baden-Württemberg

Friedrichs Stadt war ein Refugium für die Protestanten, eine Antwort auf die Rekatholisierung  von 1597.

So entstand im nordöstlichen Schwarzwald auf einem strategisch günstig gelegenen Hochplateau eine befestigte Residenz. 

Freudenstadt Dreizeilenplan Von Heinrich Schickhardt Hauptstaatsarchiv Stuttgart N 220 B 2 1 Bl. Gemeinfrei R

Freudenstadt, Dreizeilenplan Von Heinrich Schickhardt - Hauptstaatsarchiv Stuttgart N 220 B 2, 1 Bl.

 

Sein Baumeister, Heinrich Schickhardt (3) entwarf Freudenstadt nach den Plänen von Dürers „Befestigungslehre“.Eine quadratische Anlage, je ein Turm in der Seitenmitte. Wie ein Schachbrett. Das Innere ist in neun gleiche Felder geteilt und das mittlere Feld bildet den Marktplatz. In einer Ecke sollte das Schloss liegen. Nicht akzeptabel für den Herzog. Er ist der Mittelpunkt, das Zentrum, also muss das geplante Schloss auch in der Mitte des Platzes liegen.

Am 22. März 1599 wurden im Beisein des Herzogs im förchtig wilden Walddie ersten Häuser und Straßen abgesteckt. 

Am 2. Mai legte seine Durchlaucht selbst den Grundstein für die Stadtkirche. 

Die Bergleute brachten eine Silber- und eine Kupferstufe (Leib und Blut Christi) in die Grundmauern der neuen Kirche ein.

Das Wasser bekam die Stadt damals von den Langenwaldquellen. Über einen fast 4km langen Teuchelweg (Wasserleitungsrohre: 4m lange Tannenstämme, in Längsrichtung durchbohrt) wurde das Wasser zum Marktplatzbrunnen geleitet. Jahrhunderte lang existierte diese Wasserleitung.

Wasserleitung Reichenbach 

Wasserleitung, Stadtmuseum Reichenbach

 

1608 stirbt Friedrich mit 51 Jahren, vier Jahre später ist die Innenstadt aufgebaut.

„Friedrichstadt“wurde bald „Freudenstadt“ genannt, die Stadt wuchs dank den protestantischen Glaubensflüchtlingen. 

Das Schloss jedoch wurde nie gebaut. Die Einwohner vermissten es nicht, hatten sie doch wenigstens auf dieser Freifläche Raum für den Anbau von Gemüse und Kartoffeln. Auch die Misthäufen hatten dort ihren Platz.

Dann kamen schlechte Zeiten für die Stadt. Hungersnöte und Krankheiten und 1632  ein Feuer, das große Teile der Stadt verwüstete. 1634 zerstörten die Österreicher das was übrig geblieben war und ein Jahr später entvölkerte die Pest die Stadt endgültig (3.000 Einwohner hatte die Stadt, 1636 nur noch 300).

1749 werden einzelne Teile des Markplatzes an Bürger verpachtet und als Nutzgärten angelegt.

 

Der Bergbau wird eingestellt. Die Heilquellen sprudeln.

Freudenstadt wandelte sich.

Im späten 19. Jahrhundert entwickelte sich Freudenstadt zu einem bekannten und beliebten Kurort - auch durch die Eisenbahnanbindung (Gäubahn zwischen Eutingen und Freudenstadt). 

 

1899 feiert die Stadt ihr 300-jähriges Bestehen mit König Wilhelm II. und Königin Charlotte. 

 

Im 1. Weltkrieg war die Stadt ein großes Lazarett.

 

Von 1939 an wurde am Kniebis das Führerhauptquartier Tannenberg ausgebaut. 

Am Schliffkopf und der Hornisgrinde wurden Flak-Stellungen aufgebaut.

1940 „weihte“ Hitler Tannenberg ein und ließ sich nach dem Frankreich-Feldzug in Freudenstadt feiern. 

 

Am 16. April 1945 kurz vor Kriegsende kam der Krieg nach Freudenstadt. 

Der französische General Lattre de Tassigny war auf dem Weg nach Stuttgart.

Die Wehrmacht hatte die Brücken gesprengt. Stundenlang wurde die Innenstadt bombardiert, stundenlang beschossen. 

95% der Altstadt verbrannten. Viele starben, viele Frauen wurden vergewaltigt.

Als „Manoeuvre de Freudenstadt“ fanden die Ereignisse dieser Tage Eingang in die endlose Liste der Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs.

Drei Tage dauerte das Inferno. 

 Freudenstadt 1945 R

Freudenstadt, Stadthaus, Heimatmuseum 

 

Danach, zuerst ein mühsamer Anfang. 

1950 wurde Weihnachten in der Stadtkirche gefeiert.

Dann ein rascher Wiederaufbau, das „Wunder von Freudenstadt“. 

Und immer Streit um die weitere Nutzung des Marktplatzes, der der größte umbaute Marktplatz Deutschlands ist. 

Freudenstadt ist heute eine Stadt mit ca. 24.000 Einwohnern und durch ihre Lage hervorragend geeignet, um mit der Albtalbahn das Murgtal oder über die älteste Ferienstraße Deutschlands den Schwarzwald und den alten Schwabenweg zu erkunden.

Freudenstadt R

Monumente, Bettina Vaupel, Karlsruhe oder die Liebe zur Geometrie

 

Wir überqueren den Marktplatz und nähern uns der Evangelische Stadtkirche mit ihrem rechtwinkligen, nach NO ausgerichteten Grundriss (Uhrenturm im N).

Evangelische Stadtkirche 400

 

Die Winkelkirche in Freudenstadt wurde als solche konzipiert.

Im 19. Jh. saßen Männer und Frauen hier getrennt in den beiden Kirchenschiffen.

Weibergestühl und Männergestühl

Beeindruckend ist noch heute die zentrale Mitte, die durch die zwei sich überlagernden Rechtecke geschaffen wird.

Die Kirche besitzt einen Lesepult und einen Taufstein aus dem 12. Jahrhundert.

 

Lesepult 300 Taufstein 300

 

 

(1) Die Idee der „Idealstädte“ bekam mit Beginn der italienischen Renaissance neue Impulse. 

Das Ziel war eine klar strukturierte Stadt, die die kosmische und die weltliche Ordnung und Hierarchie darstellen und nach persönlicher Auslegung, die absolute Macht des Landesherrn repräsentieren sollte.

Karlsruhe (Fächerstadt) und Mannheim(Schachbrettstadt) sind weitere Beispiele dieses Architekturkonzepts.

 

 (2) Friedrich der I. von Württemberg nutzte intensiv die Bodenschätze (Silber, Kupfer und Eisenerze) seines Herzogtums. Er stellte Alchimisten ein, die die Lagerstätten untersuchten und analysierten. Bei Erfolglosigkeit wurden sie hingerichtet.

1604 richtete Friedrich I. im Christophstal eine Münzstätte ein und ließ den Christophstaler herstellen. So umging er die Stuttgarter Münzpräge.

 

(3) Heinrich Schickhardt von Herrenberg (geb.1558 in Herrenberg † 1635 in Stuttgart) war der bedeutendste Baumeister der Hochrenaissance in Deutschland.

Schickhardt baute Brücken (Köngen), Festungen, Schlösser, Kirchen, Städte.

Europ. kulturstrasse H.Schickhardt

Literatur:

Markus und Meinrad Bittmann, Das Murgtal, Kreisarchiv Rastatt

Bettina Vaupel, Karlsruhe oder die Liebe zur Geometrie, Monumente

Mannheimer Morgen, Konstantin Groß, 7. April 2018

Wikipedia

Brockhaus Konversationslexikon, 1902, Freudenstadt 

 

Bildnachweis:

Wikipedia Commons

Bettina Vaupel, Karlsruhe oder die Liebe zur Geometrie, Monumente 

WAW, eigenes Werk

Wikimedia commons

 

Museen:

  • Heimatmuseum im Stadthaus, mit sehr guten Sonderausstellungen
  • Besucherbergwerk Freudenstadt
Geschichte von Pforzheim
Stadt des Geistes (Humanismus), des Handels und des Goldes

Wir sind in einem Ballon unterwegs und befinden uns am Rand des nord-westlichen Schwarzwaldes. Wir fahren weiter nach Norden, in die Kraichgausenke.

Unten auf der Erde fliessen drei Flüsse (Enz, Nagold und Würm) ihrem Mündungsziel in Pforzheim entgegen.

Pforzheim ENW

Wir landen an der Enz, bei der heutigen Altstädter Brücke.

Hier verlief die Römerstraße von Ettlingen nach Cannstatt und hier, an der Furt entstand der Ort.

In der Nähe (Friolsheim) wurde ein römischer Leugenstein mit der Aufschrift „A PORT L V“ (Von Portus 5 Leugen) gefunden, Portus hieß die Siedlung bei den Römern.

Erst im 11. Jahrhundert taucht „Fortzheim“ in einer Urkunde (Heinrich IV.) wieder auf.

Anfang des 13. Jahrhunderts übernahmen die Badischen Markgrafen (Hermann V.) die beiden Städte, die an der Enzfurt und die „Neue Stadt“ am Schloßberg. 

Pforzheim war vom 13. bis zum 16. Jahrhundert mit ihren ca. 3.000 Einwohnern die größte Stadt der Markgrafschaft.

Berühmt und geschätzt wurde die dortige Lateinschule.

Johann Reuchlin, in Phorce (so seine Schreibweise) geboren und Philipp Melanchthon (aus Bretten) waren die zwei bekanntesten Schüler.

Im Jahr 1502 gründete Thomas Anshelm aus Baden-Baden hier eine Buchdruckerei.

Er druckte fast alle Werke Reuchlins.

So kam der Humanismus von Pforzheim über die Nagold und den Neckar zum Rhein und damit in die weite Welt.

Ein Stich von Merian (1643) zeigt uns die Stadt.


Pforzheim nach MERIAN 600

Die Stadtanlage zieht sich vom markgräflichen Schloss bis hin zur Enz und zur Nagold.

Zu dieser Zeit lebten die ca. 3.500 Einwohner vom Handel, der Flößerei, von der Landwirtschaft und vom Fischfang, von der Produktion (Textilien).

Pforzheim beherbergte drei Klöster und  zwei Spitäler.

Jahre später gab es diese Stadt nicht mehr.

Bayrische Truppen legten bei ihrem Abzug 1645 Feuer an.

Im pfälzischen Erbfolgekrieg brannten die Franzosen Pforzheim dreimal nieder, 1692 bis auf die Grundmauern.

Ein paar Hundert Menschen blieben.

Hugenottische Religionsflüchtlinge bauten gemeinsam mit den Einwohnern die Stadt wieder auf.

Als Markgraf Karl Friedrich 1767 dem wendigen und windigen Franzosen Jean François Autran das Privileg gab, im Waisenhaus (dem ehemaligen Dominikanerinnenkloster) eine Uhren- und Bijouterie-Fabrik zu gründen, begann Pforzheims Aufstieg zum „Klein-Genf“, wenn auch anfangs etwas holperig.

Autran lockten die billigen Arbeitskosten im Waisenhaus (ca. 200 Kinder), sowie die Kapitalbeteiligung des Markgrafen.

Doch die Schweizer beherrschten den Markt und die Pforzheimer-Uhrenindustrie schwächelte.

Nicht so die Schmuckproduktion.

Sie verlor durch den notwendigen Verkauf (Autran war pleite) zwar ihre Privilegien (und der Markgraf viel Geld) aber es entstanden, durch die von Karl Friedrich eingeführte Gewerbefreiheit, zahlreiche neue kleine und flexible Gewerbebetriebe, die - da oft unter der Leitung der ehemals Privilegierten - „Kabinette“ genannt wurden.

Das Kabinett war die Kommandozentrale und das Schatzhaus der Schmuckproduktion zugleich. Vom Kabinett aus steuerte und koordinierte der "Kapo", der Kabinettmeister, die Produktion. Er verwaltete und verwahrte auch die verwendeten kostbaren Materialien

1838 gab es 54 Kabinette in Pforzheim.

Eine Eisenbahnstrecke und eine neue Straße wurden gebaut.

1873 überzeugte der „Franzosen-Weber“ einige Pforzheimer Schmuckfabrikanten von den Vorteilen der Doubléfabrikation.****

Erfindungsreichtum, Wagemut sorgten dafür, dass Pforzheimer Doubléerzeugnisse zum Welt-Standard wurden.

Zwei Drittel der Pforzheimer Produktion ging in den Export.

Die Wertsendungen der Post kamen vom Wert her gleich hinter Berlin.

Pforzheim war reich.

Dann kam der Krieg wieder in die Stadt.

Und zu Ende des zweiten versank unser Ort erneut in Schutt und Asche.

Am 23. Februar 1945 vernichteten in nur 20 Minuten britische Bomber die gesamte Innenstadt und 17.000 Menschen starben.

Pforzheim hatte die höchsten Verluste aller deutschen Städte, bedingt durch alliierte Bombenangriffe, im zweiten Weltkrieg zu tragen.*****

Heute ist Pforzheim eine Stadt mit ca. 120.000 Einwohnern und für uns ein Tor zu Exkursionen ins Rheintal, zum Kraichgau, zum Neckar und zum Schwarzwald.

 

(1)

Leugensteine gaben die Entfernung bis zum nächsten Ort in gallischen Leugen (2,2 km) an.

(2)

Doublé, der „französische Billigschmuck“, wurde bereits im 18. Jahrhundert in Paris und Birmingham produziert. Eine dünne Lage Gold wurde auf ein anderes Metall (Kupfer, Eisen) aufgehämmert, später aufgelötet, dann geschweißt und gehämmert. Schmuck für jedermann.

Double R

 

Tafel, Technisches Museum der Pforzheimer Schmuck- und Uhrenindustrie

 

 

Literatur :

Reinhard Mürle, Baden-Württemberg, Pforzheim, 1/85, G.Braun Karlsruhe

Hans Leopold Zollner, Baden-Württemberg, Pforzheim, 1/85, G.Braun Karlsruhe

Chris Gerbing, Die Geschichte der Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule (Festschrift zum 250 jährigen Bestehen 2018)

Bildnachweis : Wikipedia Commons, Willi Weishaupt 

 

Museen: Reuchlinhaus, Stadtmuseum, Städtische Galerie, Schmuckmuseum Kirchen: Schloss- und Stiftskirche St. Michael

Hexenverfolgung in Baden - Geschichte der Anna Weinhag

Anna war eine tapfere und mutige Bürgerin der Stadt Baden-Baden.

Am Neujahrstag des Jahres 1600 stapfte Anna im Schnee durch die Altstadt von Baden-Baden.
Anna war Gewürzkrämerin und auf dem Weg zu ihrem beliebten Laden.
Was das neue Jahr wohl bringen würde?

Anna machte sich keine Illusionen. Die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten würde weitergehen, der Schrecken bleiben.
Anna schaute zum „Neuen Schloss“ hinauf. Dort hatte die Familie zusammen mit der protestantischen Gemeinde Weihnachten gefeiert, eine eigene Kirche hatten die „Lutheraner“ noch nicht.
Anna fror. Es war bitterkalt. Verwandte hatten ihr erzählt, dass der Bodensee wieder zugefroren sei.
Sie seufzte und ging weiter. Gott sei Dank wusste keiner was die Zukunft bringen würde, dachte sie.

Heute kennen wir Anna Weinhags Zukunft und ihren weiteren Lebensweg.

Sie sollte erleben, wie schon im Februar der ehemalige Dominikanermönch, Philosoph und Astronom  Giordano Bruno zum Tode verurteilt  wurde.

Der Familie ging es unter der Herrschaft des protestantischen Markgrafen Georg Friedrich (1) einigermaßen gut. Hans, Annas Mann, wurde Ratsherr.

Georg Friedrich von Baden-Durlach
via Wikipedia Commons

Die Stadt unterstützte ihren Markgrafen auch finanziell.
Bei dem Geschäftsmann und Vorsitzenden der Murgschiffer Jakob Kast lieh sich Georg Friedrich 27.000 Gulden für die die Stadt Baden-Baden bürgte. Die Stadt selbst gab ihm noch ein unverzinsliches Darlehen (1611). Auch mit diesem Geld rüstete der Markgraf seine Armee auf.

Katholische Liga gegen Protestantische Union – dieser Stellvertreterkrieg fand  hauptsächlich im Badischen Land sehr zum Nachteil der dortigen Bevölkerung statt.

In Wimpfen (1622) entschied sich auch Annas Schicksal, der Markgraf unterlag in der Schlacht und Wilhelm I. wurde sein Nachfolger.

Markgraf Wilhelm I.
via Wikipedia Commons

Der setzte eine brutale Rekatholisierung durch und holte die Jesuiten nach Baden-Baden. Fronapfel nach Ettlingen und Philipp Zinner nach Baden-Baden. Die Ordensregeln der Jesuiten schrieben für ein Kolleg mindestens 30 Mitglieder und ein Grundkapital von 60.000 Gulden vor. Das Jesuitenkolleg in Baden-Baden finanzierte sich durch dingliche Rechte (Berechtigung zum Einzug vom Zehnten, Grund- und Pachtzinsen) und vor allem durch Immobilienbesitz. Zwischen Ötigheim und Ottersweier besaßen sie bereits drei Mühlen, sowie Hof- und Weingüter auf ca. 250 Hektar. Mit dem Weinverkauf wurden satte Gewinne erzielt.  Ebenso mit der Hexenverfolgung. Jesuiten betreuten die Angeklagten seelsorgerisch, schrieben in Baden-Baden die Prozessprotokolle. Die Angehörigen der Opfer mussten die Prozesskosten bezahlen, viele wurden dadurch gezwungen ihren Grundbesitz an die Jesuiten zu veräußern.   

Noch nicht mal zwei Jahre im Amt und schon stellt Wilhelm seinen Bürgern von Baden-Baden ein Ultimatum. Katholisch sollen sie werden - oder bis Weihnachten die Stadt verlassen.

Anna war anderer Meinung, und mit der hielt sie nicht hinter den Berg. Sie schrieb an den Markgrafen und bat ihn diese Entscheidung zurückzunehmen.
Das war skandalös. Eine Frau, eine „Lutherische“ zudem, kritisiert öffentlich die Entscheidungen des Markgrafen.

Anna war ein Fall für den markgräflichen Rat Matern Eschbach.

Nur wenige Monate nach ihrem Brief wurde Anna als Hexe angeklagt.
Sie seye die gröste hur in Baden, undt darzue ein Hex
so Eschbach.

Eine Kronzeugin, Anna Geiger, ebenfalls als Hexe angeklagt, war schnell gefunden. Auf Hexentänzen habe sie die Weinhag gesehen.

Anna Weinhag wurde noch am selben Tag gefoltert. Vier Tage lang. Durch Aufziehen, durch Anhängen von Gewichtssteinen, durch Beinschrauben wurden ihre Glieder zerquetscht und ihre Gelenke verrenkt. Zwei Tage lang saß sie dann noch auf dem „Wachstuhl“, doch sie legte kein Geständnis ab und nannte keine Namen. Sie musste die Urfehde schwören (Stillschweigen und keine rechtlichen Schritte gegen die Richter, d.h. gegen Eschbach), dann kam sie nach Zahlung der Verfahrenskosten frei, unter Hausarrest.

Nur Monate später wurde sie erneut angeklagt. Diesmal wurde ihr auch Schadenszauber unterstellt.
Nach erneuter Folter und einem Tag Wachstuhl wurde sie in den Spitalturm und danach ins Gefängnis verlegt.

Ihr Mann Hans klagte gegen den Markgrafen vor dem höchsten Gericht des deutschen Reiches, der Reichskammer die, wegen Verfahrensmängel und der überaus harten Folter,  eine Haftaufhebung anordnete.
Anna wurde aus dem Gefängnis entlassen.

Wie Dagmar Kicherer schreibt, „war Anna Weinhag das einzige Opfer des Hexenwahns in der Markgrafschaft Baden-Baden, das zwei Prozesse überlebt hat. Und sie gehört zu den wenigen, die sich selbst unter unmenschlichen Qualen ihren Peinigern nicht gebeugt haben“.

Im Herbst nach ihrer Freilassung verlies Anna Weinhag Baden-Baden.

Ein Stich von Merian (1643) zeigt uns Baden-Baden zu Zeiten Annas

 via Wikipedia Commons

(1) In der „Oberbadischen Okkupation“ (1594) besetzten die Verwandten des Hauses Baden-Durlach die Markgrafschaft Baden-Baden ihres Vetters Eduard Fortunat, der die/seine Markgrafschaft Baden-Baden an die Fugger verkaufen wollte, Gold herzustellen versuchte, und auf der Yburg Falschmünzerei betrieb.
Die Baden-Durlacher beendeten damit auch die katholische Dominanz in der Markgrafschaft Baden-Baden.

 

Literatur:

  • Dagmar Kicherer, Kleine Geschichte der Stadt Baden-Baden, G.Braun Buchverlag, 2008
  • Gleichstellungsstelle der Stadt Baden-Baden, Zwischen Suppenküche und Allee, Corinna Schneider, Man thue ihr für gott undt aller welt Unrecht, 2012
  • Historisches Museum der Pfalz Speyer, Hexen Mythos und Wirklichkeit, 2009

 

Willi Andreas Weishaupt 2016
        © Baden-GEO-Touren
 

Das Floß der armen Leute - Gefährliche Rheinfahrt 1791

 

Obertsrot 1858 ADie Flößerei ist ein sehr altes Gewerbe. Über die frühen Zeiten besitzen wir kaum ins einzelne gehende Zeugnisse.

Wir wissen aber, daß schon im Mittelalter das Holz aus den großen Waldgebieten in den Rhein und den Strom hinab geflößt wurde. So kam das Schwarzwaldholz zum Beispiel die Kinzig oder die Murg herab in den Oberrhein oder mit Nagold und Enz in den Neckar. Main, Saar und Mosel, auch Lippe und Ruhr trugen Holz aus ihren Wäldern dem Rhein zu, der er (sic) bis zu seiner Mündung mitnahm.

 

 

 

 

An den Methoden der Flößerei hat sich von alters her bis zum Beginn unseres Jahrhunderts wenig geändert.

Dieselben Männer, die im Winter die Bäume auf den Höhen des Schwarzwaldes fällte, brachten sie auf Bächen und Flüssen zu Tal. Zunächst wurden sie mit Pferden oder Ochsen zum „Polterplatz“ geschleift, der neben der „Einbindestelle“ am Bach lag. Sie wurde auch „Wasserstube“ genannt; man muß sie sich wie eine kleine Talsperre vorstellen. In ihr wurden 8-12 gleichlange Stämme zu „Gestören“ eingebunden, das heißt mit Wieden (über feuer gedrillte Fichtenstämmchen) zusammengebunden. Ein solches Gestör war an die 20 Meter lang und 2-3 Meter breit.


Wenn nun die Stube sich mit Wasser füllte, wurden die Gestöre, die zunächst nebeneinander lagerten, der Länge nach aufgereiht und hintereinandergebunden. Je 15-20 Gestöre bildeten ein Langfloß, das 300-500 Meter lang war und bis zu 300 Festmeter Holz enthielt.

Solch ein Riesenwurm sollte nun auf dem kleinen Bach, den man zu Fuß überschreiten konnte, zu Tal geflößt werden?

Es klingt unglaublich, aber es war so. Das gestaute Wasser ließ für kurze Zeit das Bächlein zum reißenden Fluß werden.

Zunächst wurde ein Schwall „Vorwasser“ abgelassen, dem soviel Vorsprung gegeben wurde, daß das schneller eilende Floß es nicht einholen konnte. Dann wurde das Floß losgebunden und schoss davon. Mit erstaunlicher Schnelligkeit raste der Lindwurm dahin, durch Wälder und Schluchten, über Felsen und Wehre, bis ihn der ruhigere Lauf der Flüsse aufnahm.

Das war ein anderes Flößen als später auf dem Rhein! Von 5 oder 6 Flößern geleitet, wand sich das Langholzfloß durch die Biegungen des Bachlaufs. An Steuern war da nicht zu denken. Nur die Sperrbalken, 2 oder 3 in jedem Floß, boten die Möglichkeit einzugreifen. Der wichtigste war hinten im letzten Gestör eingelassen. Blieb nun das Floß an irgendeinem Hindernis hängen, mußte sofort hinten gesperrt werden, damit die Gestöre keinen Knick, keinen „Ellenbogen“ bildeten, „Jockele, sperr!“ erscholl dann der Ruf, der lange zeit auf dem oberen Neckar und seinen Nebenflüssen zu hören war.

Häufig mußte, um das Floß wieder flottzumachen, ein neuer Schwall Wasser aus den Stuben oder den eigens dazu angelegten „Schwellweihern“ losgeschickt werden. Das Flößen war eine oft lebensgefährliche Arbeit, die Erfahrung, Kraft und Geschicklichkeit erforderte. Dementsprechend waren auch Lohn und Verdienst des Flößers und sein Selbstbewußtsein.

Aber da waren noch andere Hemmnisse.

Überall gab es Aufenthalte und Kosten. Zwar waren hier und da bereits Floßgassen vorhanden, um Mühlenwehre oder Staustufen zu überwinden.

Oft genug aber mußten Entschädigungen an Mühlen und andere Einrichtungen gezahlt oder in Naturalabgaben entrichtet werde, weil das Floß den Betrieb behinderte. Vor allem aber gab es Zölle. Der Südwesten Deutschlands war ein Schaubild der Kleinstaaterei. Allein von Neuenbürg im nördlichen Schwarzwald bis nach Mannheim waren 14 Zollstationen zu passieren!

In Mannheim wurden dann die schmalen Langholzflöße – soweit das Holz nicht schon dort verkauft oder versteigert wurde – zu breiteren und mehrschichtigen Rheinflößen zusammengestellt. Meist waren es bereits die großen „Steifstücke“, aus denen dann in Mainz-Kastel, Koblenz-Neuendorf oder in Namedy unterhalb von Andernach die Holländerflöße entstanden.

Mit ihren Anhängen und Kniestücken, mit drei Lagen Holz übereinander bildeten diese die gewaltige Menge von 500 000 Kubikfuß (etwa 15 000 cbm) Holz. Hinzu kam noch die Oblast an Schnittholz und Brettern, oft auch andere Waren, etwa Sandsteinplatte vom Main oder Mühlsteine aus Andernach.

Ein solches Kapitalfloß stellte also einen beträchtlichen Wert dar, seine wochenlange Fahrt auf dem damals noch nicht regulierten Strom mit seinen Untiefen, Sandbänken, Strudeln und Felsenriffen bedeutete ein großes Risiko. Auch kam es vor, daß geringer Wasserstand, wandernde Bänke, Wracks oder Unwetter zu Unterbrechungen führten, die bisweilen Monate dauerten. Doch der große Holzbedarf in den waldarmen Niederlanden und in England, vor allem an Eichenholz für den Schiffs- und Hausbau, rechtfertigte den hohen Einsatz.



Aus: Günter Sachse, Das Floß der armen Leute - Gefährliche Rheinfahrt 1791, C.Bertesmann, 1992

 

Die Flößerei
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Das Floß, vom Alt- und Mittel Hochdeutschen vloz, von Fluss bzw. fließen, ist uralt.  

Im Alten Testament der Bibel wird über ein Floß aus Zedern und Tannen berichtet, das von Tyros nach Jerusalem gesteuert wurde, zu König Salomo, bestimmt zum Bau des ersten jüdischen Tempels in Jerusalem.
Schwimmendes Holz kann zu einer kleinen Arche Noah werden.

Ins Wasser gefallene Bäume, bieten Schutzräume für vielerlei Lebewesen.

Unter frei im Meer treibenden Bäumen, sammeln sich Fische, Garnelen und Plankton.

Zusammen mit Amphibien und kleinen Säugetieren an Bord, treiben diese kleinen Inseln durch die Flüsse und Meere, manchmal tausende von Kilometern weit.
Für die Menschen war Holz ein Brennstoff, aber auch ein Baumaterial.
In Deutschland stammen die ältesten Dokumente über die Flößerei aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Sicherlich ist die Flößerei aber viel älter.

Über die Isarflößerei berichtet ein Dokument von 1174 (Abgaben der Mittenwalder Flößer an das Kloster Schäftlarn).

1258 erwähnt ein Dokument die Flößerei auf der Saale.

 

Historisches Lexikon Bayerns

 

Bildergalerie
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 Flösserei

Murg, Museum Freudenstadt

 

Flösserei II

Murg, Museum Freudenstadt

 

Flößerei Füssen

Lech, Museum Füssen

 

Flößer aus dem Lechtale

Flößer aus dem Lechtala, Museum Füssen

  Lechflößerei

Lechflößerei, Museum Füssen
 
 

Floß Lech MF

Modell eines Baumfloßes, Museum Füssen

 

Leben im Mittelalter

Judentum am ...
Wehrhafte Bu...
Knud Seckel ...
Giganten der...

Modell der Barockresidenz Karlsruhe
Exponat im Badischen Landesmuseum

Clemens Pankert, genannt Perkeo

*1702 Salurn/Tirol, †1735, Knopfmacher, war Hofzwerg des Kurfürsten Karl III. Philipp von der Pfalz
Karl Philipp, kaiserlicher Statthalter der ober- und vorderösterreichischen Lande in Innsbruck, brachte Clemens Pankert an den Heidelberger Hof. Dort war der trinkfeste Hofzwerg der Hüter des großen Weinfasses im Schloss.
Perkeo war „an Wuchse klein und winzig, an Durste riesengroß“ (Heinrich Merkel).

 

Johann Georg Dathan (1703-1748) - Hofnarr Clemens Perkeo vor dem Schwetzinger Schloss, um 1725
via Wikipedia Commons

 

Das Große Heidelberger Fass
via Wikipedia Commons

 

Perkeo und der Heidelberger Brückenaffe
via Wikipedia Commons
Im Fluss der Geschichte - Der Rhein
 
 
 Arnold Forstmann: Nonnenwerth, Rolandseck und Drachenfels
via Wikipedia Commons
 

Der Rhein ist ein alter Fluss. Über die Jahrtausende hat er seinen Namen behalten, was auch bei Flüssen selten ist. 

Und über viele Millionen von Jahren ist er groß geworden. 

Vor 50 Mio. Jahren:                                                                                                                

Der älteste der Rheinbrüder ist der Ur-Alpenrhein. Er entwässerte den nordöstlichen Ur-Alpenraum und mündete in die Ur-Donau. 

Durch den Druck der Alpen zog sich im Alpennordland das Meer immer weiter zurück.

Vor 40 Mio. Jahren:                                                                                                                

Der mittlere Rheinbruder, der Ur-Oberrhein entstand. Er entsprang bei Straßburg und mündete bei Mainz ins Meer. 

Die Alpen wuchsen. Das Land hob und senkte sich.

Vor 30 Mio. Jahren:                                                                                                                

Der jüngste Rheinbruder, der Ur-Mittelrhein entsteht. Er wurde bei Koblenz geboren und mündete bei Bonn in die Ur-Nordsee. 

Vor 25 Millionen Jahren existierten also drei Vorläufer des heutigen Rheins, die jedoch nicht miteinander verbunden waren.

Vor 15 Mio. Jahren floss der Oberrhein in den Mittelrhein. Dieser Rhein war 500 km lang und bestand über Jahrmillionen. 

 

Eine Million Jahre vor unserer Zeit war es dann soweit. Die Gletscher der letzten Eiszeit schmolzen weiter und als sich der Rheingraben immer weiter senkte, fand der Ur-Alpenrhein als einziger Alpenfluss seinen Weg nach Norden, zum tiefergelegenen Oberrhein.

Dann wurde es wieder kälter. Vor 160.000 Jahren lenkten die skandinavischen Gletscher den Rhein nach Westen um.

Seit 30.000 Jahren besteht das heutige Mündungsgebiet.

 

Man stelle sich vor, der Rhein hätte einen anderen Weg gefunden.

Städte wie Basel, Worms oder Köln lägen, wenn sie denn überhaupt gegründet worden wären, nicht an einem sie verbindenden Fluss, sondern am Rande einer gewaltigen Schlucht ähnlich (wenn auch kleiner) dem heutigen Grand Canyon oder dem afrikanischen Rift Valley.

Aber so kam es nicht. Der Rhein floss gen Norden.

Die Lachse zogen rheinaufwärts.

Für unsere Vorfahren war der Rhein eine wichtige Handelsroute.

Schon vor vielen Jahrtausenden wurden Waren wie Bernstein, von der Nord- und Ostseeküste über Rhein und Rhône, Mittelmeer und Nil nach Afrika und bis nach Asien exportiert.

 

Wie sah er aus, der Vater Rhein?

 

 

Johann Ludwig Bleuler: Zusammenfluss von Rhein und Ill,
von Nordosten (bei Meiningen, Vorarlberg; gegenüberliegende Rheinseite: Oberriet, Kanton St. Gallen); Aquatinta, koloriert
via Wikipedia Commons

Der Alpenrhein war wild und nur sehr eingeschränkt schiffbar. Der Rheinfall war und ist noch heute noch eine unüberwindbare Barriere für den Schiffsverkehr.

Der Oberrhein war ein kilometerbreiter Strom, mit aufgespülten Sandinseln, Treibsand, breite flache, sumpfige, tote Arme. Jedes Frühjahr (nach der Schneeschmelze in den Alpen) trat er über seine vielen Ufer (es gab nicht nur einen, sondern drei Fluss-Arme, die sich veränderten, mäanderten) und überflutete riesige Flächen.

Am Oberrhein umspülte der Fluss mehrere tausend Inseln.

Der Mittelrhein (von Bingen bis Bonn) war der Schrecken der Flößer und Schiffer.

Nicht nur eine schöne Frau verhexte dort die Männer, starke Strömungen und gewaltige Strudel, verursacht durch Felsen im Fluss, machten die Durchfahrt zum gefährlichen Abenteuer.

Das Binger Loch verhinderte die durchgehende Befahrung des Rheins.

Ab Köln war das Flussbett breit und tief und Seeschiffbar.

Der Rhein war immer ein verbindender Fluss.

 

Nikolai von Astudin: Blick auf Köln
via Wikipedia Commons

Ein Grenzfluss wurde er in römischer Zeit.

Auf Galeeren und Flößen brachten die Römer ihre Soldaten in Stellung.

Innerhalb von 10 Tagen errichteten sie eine 400 m lange Holzbrücke über den Rhein (zwischen Andernach und Koblenz) um einen Rachefeldzug gegen die Germanen zu führen. Nach dem erfolgreichen Rückzug der römischen Legionen wurde die Brücke wieder abgebaut.

Der Rhein floss nun durch römische Provinzen und beförderte die Güter, die den Reichtum von Rom begründeten.

Hierzu wurden Städte gegründet, Straßen und Häfen gebaut, Flussmündungen befestigt.

Straßburg, Seltz, Worms, Mainz, Bingen, Koblenz, Remagen, Bonn, Köln, Neuss, Xanten, Kleve, fast alle linksrheinischen Städte haben römische Wurzeln.

Ein buntes Völkchen bewohnte die Städte.

Dann zogen die römischen Garnisonstruppen ab und neue Herren kamen.

 

Johann Adolf-Lasinsky: Koblenz-Ehrenbreitstein, 1828
via Wikipedia Commons

 

So auch in Worms. 413 ließen sich die Burgunder dort nieder.

Sie kamen von der Ostsee und wurden von den Römern in Worms angesiedelt um dort deren Grenzen zu sichern. Ihnen aber lag mehr daran die römische Oberherrschaft abzuschütteln, was ihnen jedoch nicht gelang. Erst wurden sie von den Römern geschlagen (435) und ein Jahr später von den in die Rheinebene einbrechenden Hunnen fast vernichtet.

Dieses Trauma floss in den Erzählungen ihrer und anderer Nachfahren ein.

Ein anonymer Autor (1) hat in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts diese damals sehr beliebten Heldensagen zusammengefasst.

Heute kennt man sie unter dem Namen „Nibelungenlied“.

 

 

Siegfrieds Tod
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Und folgt man diesen Gesängen und Versen, hat der Rhein bei Worms den „Nibelungenhort“, seinen gewaltigen Goldschatz bis in die heutige Zeit sicher verwahrt. Noch heute findet man Gold im Rhein.

An einem Frühlingstag im Jahr 723 verlässt ein 50-jähriger Engländer die Stadt Mainz.

Seit kurzem ist er Bischof und seitdem rastlos unterwegs. Er ist nicht allein, sondern fränkische Soldaten, Handwerker und Zimmerleute, Schmiede und Steinmetze begleiten ihn.

Die Expedition hat das Ziel Stützpunkte des Glaubens zu errichten und das Christentum von den heidnischen Irrlehren zu „reinigen.“

Der Engländer, der später unter seinem vom Papst ausgewählten Namen Bonifatius heilig gesprochen wurde, erreichte die Büraburg (beim heutigen Fritzlar), ein fränkisches Bollwerk, ein Außenposten. Dorthin konnte er sich zurückziehen, falls sein angekündigter Coup, die seit Urzeiten dem Gott Thor geweihte Eiche zu fällen, misslingen würde.

 

Wirken und Martyrium des Bonifatius
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Bonifatius fällte den Lebensbaum und hatte, da die göttliche und damit auch die menschliche Vergeltung auf diesen Frevel ausblieb, die Zweifler von der Macht des Christentums überzeugt und zudem Bauholz für eine Kapelle.

Bonifatius war ein ausgezeichneter Organisator. Er ordnete die Bistümer neu und so gab es lange vor einem politischen bereits ein kirchliches Deutschland mit der Hauptstadt Mainz am Rhein.

Die damaligen Bischöfe der Kirchenprovinzen waren „Kämpfer Gottes“.

Zwischen 886 und 901 kamen zehn Bischöfe im Kampf gegen die Normannen auf den Schlachtfeldern ums Leben.

Aber nicht nur die Bischöfe waren Wegbereiter der Missionierung.

Das waren auch die damaligen Klöster: Lorsch, Weißenburg, Fritzlar, Fulda und viele andere mehr.

Historisch sind wir in der mittelalterlichen Warmzeit. Auf Grönland wurde Wein angebaut, das Polarmeer war in beide Richtungen schiffbar.

Im dichten Morgennebel fuhren Piratenschiffe rheinaufwärts.

Die Drachenboote der Wikinger erreichten Köln.

Die Wikinger kannten sich aus. Sie waren nicht zum ersten Mal hier.

Schon lange betrieben sie mit ihren einzigartigen Schiffen Handel - auch auf dem Rhein.

 

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Auch jetzt wurde „verhandelt“. Die Städte am Rhein (Dorestad, Xanten, Duisburg, Köln, Bonn, Andernach und andere) mussten entweder Schutzgeld bezahlen oder wurden kurzerhand geplündert und niedergebrannt. Kirchen, Klöster und reiche Höfe waren davon nicht ausgenommen.

Am 1. Mai 1006 erleuchtete plötzlich ein grelles Licht das südliche Firmament. Die heute als SN 1006 bezeichnete Supernova war wahrscheinlich das hellste Gestirn, das jemals den Himmel erleuchtete (2).

Am den Ufern des Rheins begann ein Bauboom.

Romanische Basiliken wie der Mainzer Dom oder St. Pantaleon in Köln entstanden.

In St. Pantaleon liegt Theophanu, die erste Kaiserin des ostfränkisch-deutschen Reiches begraben. Sie selbst hätte dieser Wortwahl widersprochen, sie war der Kaiser.

 

Köln im Jahr 1499
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Köln war im Mittelalter die größte und reichste Stadt Deutschlands. Ihre Kaufleute handelten mit Venedig, Flandern, England. Viele englische Kaufleute lebten in Köln, englische Münzen waren ein gültiges Zahlungsmittel.

Im 12. Jahrhundert verlieh der englische König Heinrich II. den Kölner Kaufleuten guildhall die Gildehalle in London.

Sein Sohn Richard Löwenherz, der auf seinem Heimweg vom Kreuzzug in Gefangenschaft geriet wurde mit dem Geld der Kölner Kaufmannsleute freigekauft. Als Dank verlieh Richard ihnen üppige Privilegien, wie sie keine andere deutsche Stadt damals innehatte.

Dies interessierte die Lübecker und darauf bauten auch die Privilegien der Ostseestädte des 13. Jahrhunderts, aus denen sich die Gemeinschaft der niederdeutschen Kaufleute, die hansa Alemanie, entwickeln sollte (3).

Die Hanse entstand nicht (nur) in Lübeck, sie hat ihre Wurzeln auch am Rhein und natürlich im Ausland.

 

Die rheinischen Städte existierten nicht nur innerhalb von Staaten, manche waren Staaten.

Dieses Streben nach eigner Stärke und der Suche nach Bündnispartnern führte im Jahr 1254 zum ersten Rheinischen Städtebund.

Fast 60 Rheinstädte schlossen sich zusammen. Die Handelswege sollten durch eine eigene Flotte geschützt und die Zollstationen (es gab über dreißig) reduziert werden. Und obwohl auch einige Landesfürsten diese Forderungen der Städte unterstützen, war man nicht einig und mächtig genug, dies durchzusetzen und so zerfiel dieses Bündnis innerhalb kurzer Zeit.

Der Winter 1341/42 war lang und kalt. Es schneite fast jeden Tag. 

Im Februar folgte eine kurze Tauphase, die zu ersten Überschwemmungen führte. Bis in den April hinein war es frostig kalt und der Schnee schmolz nicht. 

Im Mai regnete es tagelang. 

Der Sommer war kurz, heiß und trocken. Es fiel kein Tropfen Regen. Der Boden wurde hart wie Beton.

Im Juli 1342 zog ein riesiges Tiefdruckgebiet von Italien nordostwärts, diese Konstellation wird heute als Vb-Wetterlage bezeichnet. 

Damit begann eine der größten Naturkatastrophen der letzten 2.000 Jahre.

Ab dem 18. Juli regnete es im gesamten Rheingebiet vier Tage und Nächte  lang.

In manchen Gebieten fielen bis zu 200 l/qm Regen. 

Am Oberrhein führten die Wassermassen, gespeist durch Aare, Neckar, Main und Mosel, zu einem gigantischen Wasserstrom, der alles mit sich riss und das gesamte enge Mittelrheintal überflutete.

In Köln stieg der Wasserspiegel um 11m. 

Im Mainzer Dom stand „ einem Mann das Wasser bis zum Gürtel“.

Mauern, Brücken, Häuser – alles zerstört. 

Die Wassermassen trugen 13 Milliarden Tonnen Ackerboden ab. Der fruchtbare Löß wurde in den Rhein gespült und vernichtete große Teile der Landwirtschaft. 

Die ohnehin geringen Baumbestände des 14. Jahrhunderts wurden weiter dezimiert, so dass es fast keine Wälder mehr gab.

Zehntausende von Menschen starben durch die Magdalenenflut.

 

Aber der Geist der Stadtluft, die Luft die frei macht, verbreitete sich vom Niederrhein bis nach Lothringen.

Die freien Städte wurden immer reicher und mächtiger. Doch sie waren nur Inseln im Fluss.

Links und rechts des Rheins galt ein anderes Recht, nämlich das der herrschenden Fürsten.

Hier die reichen Städte, mit ihren Bürger- und Zunftrechten, aber nicht Willens politisch über die städtischen Grenzmauern hinaus zu blicken.

Keine rheinische Stadt, außer Basel, liegt auf beiden Seiten des Flusses.

Dort die Fürstentümer, untereinander vernetzt oder verfeindet, manche geführt von Egomanen, alle fürchterlich wichtig. Viele lebten gut, besonders von ihren Untertanen.

 

Aber die taten sich zusammen.

1525 wurde in Memmingen die erste europäische Menschenrechts-Deklaration „die Zwölf Artikel“ verfasst und gedruckt und am Rhein wurden von der Gemeinschaft geplante Deiche gebaut.

Neue Ideen setzen sich schnell durch. Nach Gutenberg gab es kein Halten mehr.

Im 16. Jahrhundert wurden in Europa über 200 Millionen Bücher gedruckt.

 

Was das mit dem Rhein zu tun hat?

 

Um 1500 gab es in Haguenau über 30 Druckereien.

Thomas Anshelm von Badensis (Baden-Baden) druckte in Tübingen, Haguenau und Pforzheim die Werke Reuchlins und damit auch die ersten hebräische Texte in Deutschland.

Die Hälfte aller Schriften Luthers wurde in Straßburg gedruckt.

Und der Rhein verbreitete sie.

1540 war der extremste Sommer des vorigen Jahrtausends.

Elf Monate regnete es praktisch nicht.

Die Temperatur lag fünf bis sieben Grad über den heutigen Normalwerten, verbreitet wurden im Sommer 40 Grad erreicht.

In Spanien wurden bereits im Oktober 1539 Bittgottesdienste für Regen abgehalten.

In Norditalien fiel von Oktober 1539 bis März 1540 kein Tropfen Regen.

In der Schweiz (Zürich) von Februar bis September 1540.

Schon im Frühjahr fehlte das Wasser.

Der Rhein, die Elbe oder die Seine konnten zu Fuß durchwatet werden.

Lindau am Bodensee war mit dem Festland verbunden.

 

Als 1581 die Republik der sieben Vereinigten Provinzen (die heutigen Niederlande) ihre Unabhängigkeit proklamierte, kam es zu einem Einschnitt.

Mitten durch den Rhein ging nun die Grenze zwischen den calvinistischen Niederlande und dem katholischen späteren Belgien.

Damit wurde der Rhein endgültig zum Grenzfluss und die erste Rhein-Achse entstand.

 

Unser Lachs kannte keine Achsen, geomagnetische vielleicht. Er schwamm, wie seit Jahrtausenden, den Rhein und seine Nebenflüsse hinauf.

Im Rhein und seinen Zuflüssen existierte die größte Lachspopulation des Atlantischen Ozeans.

 

„... Die grösten Salmen bey unß, kommen biß uff ein halben Centner schwer“, berichtet uns ein Straßburger Fischer (1647).

 

Während dessen reihte sich Krieg an Krieg. Der achtzigjährige Krieg, der den Niederlande die Freiheit brachte, der dreißigjährige Krieg (mit dem Seekrieg auf dem Bodensee), in dem die Bevölkerung, vor allem die Süddeutschlands, magdeburgisiert wurde, der neunjährige Krieg - der Rhein sah unendliches Leid und trug viele in ihr kaltes, feuchtes Grab.

 

Auch am Rhein wurde es immer feuchter und kälter.

In manchen Jahren regnete es sintflutartig. Der Rhein überschwemmte Städte und Felder. Es gab keine Ernten. Hunger herrschte.

Die Winter waren lang und kalt, und der Rhein fror für viele Monate zu.

 

Kleine-Eiszeit
Bernhard Gottfried Manskirch (1736-1817), Volksfest auf dem zugefrorenen Rhein 1767,
Mittelrhein-Museum Koblenz
via Wikipedia Commons

 

Im Winter 1783 war es ab Dezember in ganz Europa außergewöhnlich kalt. Dann schneite es im Rheingebiet bis Ende Februar fast jeden Tag. Ein Wärmeeinbruch brachte das Eis und den Schnee zum Schmelzen und es regnete und regnete.

Die Eisflut brach los. Riesige Eisschollen und entfesselte Wassermassen zerstörten Brücken, Häuser, ja ganze Dörfer mit all ihren Menschen fielen dem Rhein zum Opfer.

Die „kleine Eiszeit“ ließ die Bevölkerung hungern und sterben.

Adel und Klerus waren von direkten Steuern ausgenommen, erhoben ihrerseits weitere Abgaben auf Besitzveränderungen oder Erbschaften, forderten erweiterte Jagdrechte, und da sind wir wieder beim Lachs, der erst spät ein „Arme Leute Essen“ wurde.

 

 

Lachs800

Ein Lachs, Heinrich Lihl, Werkstatt um 1750,
bez. „disen Lachs haben Ihro durchl. Herr Margraff von Baden-Baden in dem Mürgener laxfang gestochen..“, Dauerleihgabe der Sparkasse Rastatt-Durlach, Stadtarchiv Rastatt
 

„Dem gemeinen Volk“ war es lange Zeit verboten Lachse für den Eigenbedarf zu fischen (4). 

Die Franzosen nahmen die amerikanische Unabhängigkeitserklärung (und ihre leeren Mägen) zum Anlass und revoltierten. Andere versuchten, den nächsten Tag zu überleben.

Wieder andere zogen mit ihren Armeen über den Rhein, Blücher am 1. Januar bei Kaub.

 

Blücher

Wilhelm Camphausen (1818-185), Blüchers Rheinübergang bei Kaub im Januar 1814,
Mittelrhein-Museum Koblenz
via Wikipedia Commons

 

Hier erreichte angeblich vor vielen Jahrhunderten der Mainzer Bischof Theonest das rettende Ufer nachdem ihn die Germanen in ein marodes Fass gesteckt und in den Rhein geworfen hatten. Dieser Bischof soll den Einwohnern den Weinbau gelehrt haben.

Blücher mochte Wein. In Paris gab es Rheinwein für die Sieger.

Mit der Industrialisierung Europas im 19. Jahrhundert ging es dem Rhein an den Kragen.

Ein Vertrag zwischen Baden und Frankreich ermöglichte 1842 den Beginn der großen Rheinbegradigung, die Johann Tulla bereits vor 20 Jahre vorgeschlagen hatte. (6)

Auch die Felssprengungen am Binger Loch (ab 1850) erleichterten die Arbeit der Flößer und begünstigte die Schifffahrt. Nun war der Rhein von Basel bis Rotterdam schiffbar.

Rotterdam ruht auch auf den mächtigen Baumstämmen des Schwarzwalds.

Die „Holländer-Flöße“ boomten und 1856 verkaufte die „Rheinische Dampfschiffahrts-Gesellschaft“ bereits über eine Million Fahrscheine für eine Fahrt auf dem Rhein. Von 1860 bis 1960 kamen 2 Milliarden Besucher ins Mittelrheintal.

 

Dann war da noch ein Poet, Weltbürger und Revolutionär. Der überquerte 1848 bei Straßburg den Rhein, zusammen mit einem bunten Haufen, bestehend aus ca. 700 deutschen Handwerkern aus Paris, und um die 200 Franzosen waren auch dabei. Sie alle wollten der deutschen Revolution zum Sieg verhelfen. Einige Jahre zuvor hatte der von H. Heine als „eiserne Lerche“ bezeichnete Poet den Rhein „besungen.“ (7)

Heine selbst verfasste seine berühmten Verse über die „Lore-Ley“, die 100 Jahre später L. Feuchtwanger neu interpretierte. (8)

 

Loreley800

Louis Bleuler, Blick auf die Loreley und auf den Lachsfang
via Wikipedia Commons
 
 

"Berufsfischerei am Rhein war früher eine Goldgrube. Jahrhundertelang war der Strom Deutschlands fischreichstes Gewässer. 

In den Lokalen längs des Flusses galt der Rheinsalm als Spezialität. Rheinaale waren kostbare Leckerbissen. Eine alte rheinische Gesindeordnung verbot im 19. Jahrhundert, daß den Hausangestellten öfter als dreimal in der Woche Lachs zugemutet werden durfte. 1885 zählten die Fischer 130 000 gefangene Lachse, 1900 waren es nur noch 60 000, 1930 mußten sich die Fischer bereits einen Ertrag von 10 000 Lachsen teilen, 1950 zogen sie nur noch 3000 Lachse an Land. Heute existiert die Lachsfischerei nicht mehr. Auch die übrigen Rheinfische verschwanden rapide: 1950 gingen noch 4316 Kilogramm Salme ins Netz; drei Jahre später nur noch dreißig Kilogramm. 

Der letzte Stör wurde im Sommer 1931 gefangen. Die Fischbrut geht an der Uferböschung durch Ölrückstände zugrunde".

s. Sepp Binder, DIE ZEIT, Nr.37/1971

 

Der Rhein als deutsches Gut wurde im neuen Kaiserreich immer aggressiver thematisiert.

Die (in)offizielle Nationalhymne der Deutschen war „Die Wacht am Rhein“,

mit den Zeilen: „...Reich, wie an Wasser..., ist Deutschland ja an Heldenblut!“

Wer kein Held sein wollte, war einsam. Auch Jahrzehnte später.

 

Lorenz Clasen 1860 - Germania auf der Wacht am Rhein
via Wikipedia Commons

 

1932 veröffentlichte Erich Kästner seinen „Handstand auf der Loreley“. (9)

 

13 Jahre später war es vorbei mit den Helden. Der Rhein floss durch zerbombte Städte und verwüstete Landschaften. 

Millionen deutscher Kriegsgefangene wurden nach Kriegsende in den „Rheinwiesenlagern“ interniert. 

 

Damals war das Wasser noch so klar, dass man auf den Grund des Rheins schauen konnte.

Dann kam das Wirtschaftswunder. 

Der Rhein war nur noch Transportweg und Abwasserkanal.

1967 wurde in der französichen Gemeinde Rhinau (Höhe Kappeln-Grafenhausen auf deutscher Seite) der letzte Lachs aus dem Rhein gefischt.

Am 19. Juni 1969 wurde der Rhein silbern. 

Die heißen Sommertage hatten den Rhein schon fast in die Knie gezwungen, da der Sauerstoffgehalt unter 2mg / l (bei 1,5 mg/l ist der Fluß "biologisch tot") lag.

Dazu kam eine unbekannte Menge des Pflanzenschutzmittels "Thiodan" (Handelsnahme, ist Endosulfan) die am 19. Juni in den Rhein gelangte. Verursacher war entweder der Produzent Hoechst AG am Untermain, oder ein Lastschiff hatte einige Fässer des Giftes bei Bingen verloren.

"Von oben sah der Rhein silbern aus, so viele Fischkadaver trieben auf dem Wasser". Die Ratten flüchteten aus dem Rhein. Über 100 km rheinabwärts erstreckte sich der Leichenzug. Bis heute ist der Verursacher dieses Unglücks nicht benannt.

In den 1970er Jahren war der Rhein eine Kloake. Ausbaden mussten das vor allem die Niederländer, die die Rheinstaaten zum Handeln zwangen. Klärwerke wurden gebaut, Einleitungen der Industrie reduziert, Meldesysteme etabliert.

Am 1. November 1986 wurde der Rhein rot.

In dem Baseler Industriegebiet Schweizerhalle geriet eine Lagerhalle der Fa. Sandoz in Brand.

In der Halle lagerten 1.350 Tonnen Pestizide, Insektizide (darunter 1,9 Tonnen Endosulfan), Herbizide (Atrazin) und diverse Lösungsmittel.

Alle Chemikalien dieser Lagerhalle verbrannten, sickerten in den Boden, oder floßen mit dem Löschwasser (min. 30 Tonnen) in den Rhein. 

Erst am 3. November informierte Sandoz die Wasserwerke rheinabwärts.

Auf mehr als 400 km, bis nach Bingen, starb alles; Fisch und Krebs, Aal und Muschel.

Trotz seiner schnellen Fließgeschwindigkeit erholte sich der Rhein nur langsam.

Ausgesetzte Lachse kommen heute bis zur Sieg und finden dort vielleicht in Zukunft einen Laichplatz, aber bis Basel hat es noch keiner geschafft.

2015 wurden 228 aufsteigende Lachse am Fischpass Iffezheim gezählt.

Seit zwei Generationen hat der Rhein keinen Krieg mehr gesehen. 

Man hat ihn ausgezeichnet und in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen.

Ein Wassertropfen braucht etwa einen Monat von der Quelle bis zur Mündung. 

Dabei setzt man im Bodensee eine mittlere Fließgeschwindigkeit des Rheins voraus. 

Es soll ja Wassertropfen geben, die jahrelang im Bodensee verbleiben.

Anmerkungen

 

 

(1)       Heutzutage wird Bligger II. von (Nekkar-) Steinach, der um 1200 am Hof der Wormser Bischöfe lebte und arbeitete als Verfasser des Liedes angesehen.

 

(2)       Außer der Sonne natürlich. Die Supernova war jedoch so hell, dass man sie monatelang auch bei Tag sehen konnte und jahrelang mit bloßem Auge des Nachts.

 

(3)       Gisela Graichen, Rolf Hammel-Kiesow, Die deutsche Hanse, rowohlt, 2011

 

(4)       Die ländliche Bevölkerung war ohne Rechte, sie waren Sklaven der Großgrundbesitzer.

Ihre winzigen „eigenen“ Parzellen mussten intensiv genutzt werden, so z.B. in Irland mit Kartoffeln. Als dort 1845 ein Pilz die gesamte Kartoffelernte vernichtete, hatten die Iren nichts mehr zu essen, da alle Felderzeugnisse nach England verschifft wurden. Als die Iren verhungerten, verließen jeden Tag Schiffe beladen mit Weizen, Gerste, Gemüse, usw. die Häfen von Irland.

                
 

(5)       Vor 200 Jahren (1815) brach in Indonesien der Vulkan Tambora aus, die heftigste Vulkaneruption seit 25.000 Jahren (VEI: 7). Der Himmel verdunkelte und färbte sich. Das „Jahr ohne Sommer“ begann. Viele Jahre gab es keinen Sommer. In den Mittelgebirgen von Europa und in weiten Teilen Amerikas schmolz der Schnee übers Jahr nicht mehr; es schneite im Sommer. Im Sommer froren die Brunnen zu. Vielerorts gab es keine Ernten. Globale Windsysteme veränderten sich. Die Cholera kam nach Europa.

 

(6)       1825 veröffentlichte Johann Tulla sein Buch „Über die Rektifikation des Rheins von seinem Austritt aus der Schweiz bis zu seinem Eintritt in das Großherzogtum Hessen.“ Auf 88 Seiten beschreibt er die Ist-Situation am Rheingraben, schlägt, belegt durch Messungen, die Begradigung des Rheins vor und liefert eine Kosten-/Nutzen- Rechnung, die zeigt, dass das gesamte Wasservolumen nur bewältigt werden kann, wenn der Rhein sein Flussbett tiefer gräbt. Höhere Deiche bedeuteten höhere Kosten.

 

1876 waren die Bauarbeiten am Rhein beendet. Korrektionsdämme links und rechts begrenzten den Kanal, Hochwasserdämme im Hinterland sollten die Überschwemmungen stoppen. Der Rhein wurde kürzer, die Fließgeschwindigkeit nahm zu und der Rhein grub sich (bis zu 10m) in die Tiefe. Der Wasserspiegel sank, Felsen tauchten im Rhein auf, Felder vertrockneten, auch weil der Rhein nicht mehr über seine Ufer treten konnte.

Die „Korrektur“ des Rheins dauert bis heute an.

 

(7)       Rheinweinlied

Wo solch ein Feuer noch gedeiht,

Und solch ein Wein noch Flammen speit,

Da lassen wir in Ewigkeit

Uns nimmermehr vertreiben.

Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein,

Und wär’s nur um den Wein,

Der Rhein soll deutsch verbleiben.

........

Der ist sein Rebenblut nicht wert,

das deutsche Weib, den deutschen Herd,

Der nicht auch freudig schwingt sein Schwert,

Die Feinde aufzureiben.

Frisch in die Schlacht hinein!

Hinein für unsern Rhein!

Der Rhein soll deutsch verbleiben.

 Georg Herwegh

 

 

(8)      „Als ich den Rhein hinauffuhr, inmitten von Hochzeitspärchen,
sangen die zumeist aus Deutschland stammenden Leute,
sie seien traurig infolge alter Märchen,
und sie wüßten nicht, was das bedeute.

Wenn mein Sohn dergleichen Unsinn äußerte,
noch dazu singend,
würde ich sofort einen Arzt konsultieren.“

 

 Lion Feuchtwanger, Rheinfahrt

 

(9)       Der Handstand auf der Loreley (1932)

(Nach einer wahren Begebenheit)

 

Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,

ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,

wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,

von blonden Haaren schwärmend, untergingen.

Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.                

Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.

Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,

bloß weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.

Nichtsdestotrotz geschieht auch heutzutage

Noch manches, was der Steinzeit ähnlich sieht.          

So alt ist keine deutsche Heldensage,

Daß sie nicht doch noch Helden nach sich zieht.

Erst neulich machte auf der Loreley

Hoch überm Rhein ein Turner einen Handstand!

Von allen Dampfern tönte Angstgeschrei,                  

als er kopfüber oben auf der Wand stand.

Er stand, als ob er auf dem Barren stünde.

Mit hohlem Kreuz. Und lustbetonten Zügen.

Man frage nicht: Was hatte er für Gründe?

Er war ein Held. Das dürfte wohl genügen.                  

Er stand, verkehrt, im Abendsonnenscheine.

Da trübte Wehmut seinen Turnerblick.

Er dachte an die Loreley von Heine.

Und stürzte ab. Und brach sich das Genick.

Er starb als Held. Man muß ihn nicht beweinen.          

Sein Handstand war vom Schicksal überstrahlt.

Ein Augenblick mit zwei gehobnen Beinen

Ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt!

P.S. Eins wäre allerdings noch nachzutragen:

Der Turner hinterließ uns Frau und Kind.                    

Hinwiederum, man soll sie nicht beklagen.

Weil im Bezirk der Helden und der Sagen

die Überlebenden nicht wichtig sind.

 

Erich Kästner

 

Parodie, Kästner folgt der Melodie des SA-Lieds „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!“

 

Literatur: 

 

Bildnachweis:

  • Bernhard Gottfried Manskirch (1736-1817), Volksfest auf dem zugefrorenen Rhein 1767, Mittelrhein-Museum Koblenz
  • Ein Lachs, Heinrich Lihl, Werkstatt um 1750, bez. „disen Lachs haben Ihro durchl. Herr Margraff von Baden-Baden in dem Mürgener laxfang gestochen..“, Dauerleihgabe der Sparkasse Rastatt-Durlach, Stadtarchiv Rastatt
  • Wilhelm Camphausen (1818-185), Blüchers Rheinübergang bei Kaub im Januar 1814, Mittelrhein-Museum Koblenz, Willy Horsch, Wikimedia Commons
  • Louis Bleuler, Blick auf die Loreley und auf den Lachsfang

 

Links:

Der unsichtbare Fluss unterhalb des Rheins, SWR

https://www.youtube.com/watch?v=7n2bqd-t2E0

Großbrand von Schweizerhalle

 https://de.wikipedia.org/wiki/Grossbrand_von_Schweizerhalle

Wie lange braucht das Rheinwasser durch den Bodensee?

Willi Weishaupt 

          © Baden-GEO-Touren

 

 

Kriegsende in Baden-Baden 1945

Frontgebiet Baden Baden 280

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neu-Eberstein

Burg Eberstein war vom 13. bis zum 14. Jahrhundert Stammsitz der Herren von Eberstein. Im 14. Jahrhundert wird die Burg von Graf Eberhard von Württemberg belagert. Seit 20 Jahren führt der Wolf von Eberstein Krieg gegen die Württemberger.

Diese Taten ruinieren letztendlich ihn und sein Geschlecht.

Neu-Eberstein 1 A

Neu-Eberstein 3 B

 

 


Neu-Eberstein 6 A

 

 

 

Neu-Eberstein 5 B

 Neu-Eberstein 4 B

 

 

Yburg

Yburg 1 A

Die Yburg dominiert als südwestlichste der badischen Burgen das Rheintal.

Erbaut wurde sie wahrscheinlich im 12. Jahrhundert, auf einem 515 m hohen Porphyrkegel vulkanischen Ursprungs. Der Name leitet sich vom mittelhochdeutschen iwe für Eibe ab.

Urkundlich erwähnt wird sie 1245, als sie sich bereits im Besitz der Markgrafen von Baden befindet.

Die Yburg wurde mehrmals zerstört.

Im 14. Jahrhundert durch den Bischof von Speyer, 1525 in den Bauernkriegen und im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 durch die Franzosen.
Restaurierungsmaßnahmen gegen Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts bezogen sich hauptsächlich auf die umfassenden Burgmauern.

Yburg 32 Panorama 700

 Panorama auf der Yburg

Yburg 3 A

 Hier könnten Sie sitzen!

Das Alte Schloss Hohenbaden war der Stammsitz der Markgrafen von Baden und damit Namensgeber des Landes Baden.
Gründer der Dynastie war Hermann I. (1052 – 1074).
Sein Sohn Hermann II. Markgraf von Limburg nannte sich 1112 erstmals Markgraf von Baden und errichtete auf der Südwestkuppe des Battert die Oberburg.

 

http://baden-geotouren.com/images/phocagallery/Aussichten/thumbs/phoca_thumb_l_0x0a1260%201280x853.jpg

 

Bernhard I. von Baden veranlasste am Ende des 14. Jahrhunderts den Bau der gotischen Unterburg, einem noch heute eindrucksvollen Ensemble von Zimmern und Gewölbesälen.

1479 verlegten die Markgrafen ihren Sitz in das Neue Schloss über dem Florentinerberg.

Hohenbaden 2 B

Hohenbaden 3 B

Windharfe B

  Hohenbaden 4 A

 

Heute befindet sich im ehemaligen Rittersaal eine von R. Oppermann konzipierte Windharfe.

 

 

 

Hohenbaden Risszeichnung 700

Quelle: Emil Lacroix, Peter Hirschfeld und Heinrich Niester: Die Kunstdenkmäler der Stadt Baden-Baden,
Verlag C.F.Müller, Karlsruhe, 1942

 

Burg Alt-Eberstein

Burg Eberstein (Alt-Eberstein) ist eine Höhenburg der Grafen von Eberstein.

Dieses schwäbische Adelsgeschlecht residierte vom 11. bis ins 13.Jahrhundert in der Burg und konnte ihr Herrschaftsgebiet bis zur Schauenburg bei Oberkirch ausweiten.

Im 12. Jahrhundert erhielten sie vom Bistum Speyer einen ausgedehnten Besitz im Murgtal und stifteten daraufhin die Klöster Herrenalb (1148) und Frauenalb (1190).

Um 1200 hatten sie mehr Einfluss als die Markgrafen von Baden.

Noch im 13. Jahrhundert gründeten sie mehrere Städte, z.B. Gernsbach und Bretten.

Jedoch schwanden Macht und Besitz dahin und 1283 verkauften die Ebersteiner die Burg an den Markgrafen von Baden und verlegten ihre Residenz nach Burg Neu-Eberstein, dem heutigen Schloss Eberstein.

Seit dem 15. Jahrhundert war die Burg unbewohnt und zerfiel, bis im 19. Jahrhundert das romantische Interesse an den Burgen wiedererwachte.

 

Alt-Eberstein A

 Alt-Eberstein 2 B

 

Alt-Eberstein 2 300 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Restaurant auf Burg Eberstein

Burgen der Markgrafschaft Baden

Hohenbaden Risszeichnung 700
Burg Hohenbaden

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Burg Alt-Eberstein

Burg Eberstein (Alt-Eberstein) ist eine Höhenburg der Grafen von Eberstein.

Dieses schwäbische Adelsgeschlecht residierte vom 11. bis ins 13.Jahrhundert in der Burg und konnte ihr Herrschaftsgebiet bis zur Schauenburg bei Oberkirch ausweiten.

Im 12. Jahrhundert erhielten sie vom Bistum Speyer einen ausgedehnten Besitz im Murgtal und stifteten daraufhin die Klöster Herrenalb (1148) und Frauenalb (1190).

Um 1200 hatten sie mehr Einfluss als die Markgrafen von Baden.

Noch im 13. Jahrhundert gründeten sie mehrere Städte, z.B. Gernsbach und Bretten.

Jedoch schwanden Macht und Besitz dahin und 1283 verkauften die Ebersteiner die Burg an den Markgrafen von Baden und verlegten ihre Residenz nach Burg Neu-Eberstein, dem heutigen Schloss Eberstein.

Seit dem 15. Jahrhundert war die Burg unbewohnt und zerfiel, bis im 19. Jahrhundert das romantische Interesse an den Burgen wiedererwachte.

 

Alt-Eberstein A

 Alt-Eberstein 2 B

Alt-Eberstein 1 300

Alt-Eberstein 2 300 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Restaurant auf Burg Eberstein

 

 

Burg Hohenbaden

Das Alte Schloss Hohenbaden war der Stammsitz der Markgrafen von Baden und damit Namensgeber des Landes Baden.
Gründer der Dynastie war Hermann I. (1052 – 1074).
Sein Sohn Hermann II. Markgraf von Limburg nannte sich 1112 erstmals Markgraf von Baden und errichtete auf der Südwestkuppe des Battert die Oberburg.

 

http://baden-geotouren.com/images/phocagallery/Aussichten/thumbs/phoca_thumb_l_0x0a1260%201280x853.jpg

 

Bernhard I. von Baden veranlasste am Ende des 14. Jahrhunderts den Bau der gotischen Unterburg, einem noch heute eindrucksvollen Ensemble von Zimmern und Gewölbesälen.

1479 verlegten die Markgrafen ihren Sitz in das Neue Schloss über dem Florentinerberg.

Hohenbaden 2 B

Hohenbaden 3 B

Windharfe B

  Hohenbaden 4 A

 

Heute befindet sich im ehemaligen Rittersaal eine von R. Oppermann konzipierte Windharfe.

 

 

 

Hohenbaden Risszeichnung 700

Quelle: Emil Lacroix, Peter Hirschfeld und Heinrich Niester: Die Kunstdenkmäler der Stadt Baden-Baden, Verlag C.F.Müller, Karlsruhe, 1942

 

Burg Hohenba...

 

 

Yburg

Yburg 1 A

 

 

 

 

 

 

Die Yburg dominiert als südwestlichste der badischen Burgen das Rheintal.

Erbaut wurde sie wahrscheinlich im 12. Jahrhundert, auf einem 515 m hohen Porphyrkegel vulkanischen Ursprungs. Der Name leitet sich vom mittelhochdeutschen iwe für Eibe ab.

Urkundlich erwähnt wird sie 1245, als sie sich bereits im Besitz der Markgrafen von Baden befindet.

Die Yburg wurde mehrmals zerstört.

Im 14. Jahrhundert durch den Bischof von Speyer, 1525 in den Bauernkriegen und im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689 durch die Franzosen.
Restaurierungsmaßnahmen gegen Ende des 19. und Anfang des 20.Jahrhunderts bezogen sich hauptsächlich auf die umfassenden Burgmauern.

 

Yburg 32 Panorama 700

 Panorama auf der Yburg

 

Yburg 3 A

 Hier könnten Sie sitzen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neu-Eberstein

Burg Eberstein war vom 13. bis zum 14. Jahrhundert Stammsitz der Herren von Eberstein. Im 14. Jahrhundert wird die Burg von Graf Eberhard von Württemberg belagert. Seit 20 Jahren führt der Wolf von Eberstein Krieg gegen die Württemberger.

Diese Taten ruinieren letztendlich ihn und sein Geschlecht.

 

Neu-Eberstein 1 A

 

 

 

 

 

 

 

 

  

Neu-Eberstein 2 B

Neu-Eberstein 3 B

  
Neu-Eberstein 6 A

 

 

Neu-Eberstein 5 B

 Neu-Eberstein 4 B

 

 

 

 

 

 

Schloss Eberstein ist heute ein außergewöhnliches Hotel und Restaurant und bietet einen wunderbaren Blick ins Murgtal.

 

 

Schloss Seelach

Schloss Seelach 2 240

wurde in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Graf und Gräfin Chreptowitsch in Lichtental (Ortsteil von Baden-Baden) auf der Seelach erbaut.

 

 

 

 

Eingebettet in ein 8 Hektar großes Areal besteht das Ensemble aus der Villa und dem Pförtnerhaus, beide im französischen Stil errichtet, sowie aus dem Kutscherhaus, den Stallungen und dem großen Gewächshaus, die alle zu dem älteren Gutshof gehörten.

 

Faszinierend ist der Blick über Baden-Baden, hin zum Rheintal bis in die Pfälzer Berge.

Das Ehepaar verbrachte ihre Sommermonate auf ihren Schloss Seelach.
Die Prominenz war hier, bis hin zum Kaiser und dem späteren Zaren.

27 Jahre später starb der Graf und das Schloss wechselte die Besitzer und verfiel im Laufe der Zeit.

2008 bis 2012 wurde das Schloss und einige Nebengebäude im Auftrag von Dostar Oil Service, einem kasachischen Unternehmen, aufwändig von Grund auf, Stein für Stein neu aufgebaut.

 

Schloss Seelach 1 180 

Willi Andreas Weishaupt 2014

© Baden-GEO-Touren

 

 

Residenzschloss Rastatt

Schloss Rastatt 600Das Schloss Rastatt ist die älteste Barockresidenz am Oberrhein. Bauherr war Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655-1707).

Kirchen in Baden-Baden

Stiftskirche

Stiftskirche 1024Die Stiftskirche ist eine im romanischen Stil erbaute Basilika und wurde auf den Fundamenten einer noch älteren Kirche errichtet. Im wuchtigen quadratischen Turmsockel finden wir noch romanisches Mauerwerk. Ihre erste Umgestaltung in eine spätgotische Kirche erfolgte im 15. Jahrhundert. Der heutige Turm stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Die Kirche ist die Grablege der Markgrafen von Baden und den Aposteln Peter und Paul geweiht.

Schloss Favorite

 

P1010577Zum Themenkreis Badische Burgen und Schlösser fahren wir heute Richtung Rastatt und besuchen Schloss Favorite.

 

Abteikirche Schwarzach
 
Pfeiler R

 

 

 Das Kloster Schwarzach war ursprünglich ein Nonnenkloster und wird Anfang des 9.Jahrhunderts zum ersten Mal unter dem Namen „Monasterium Suarzaha“ urkundlich erwähnt.

Zu dieser Zeit gehörte es schon zu den vom Wanderprediger Pirmin zusammengefassten, bzw. neu gegründeten oberrheinischen Benediktinerklöstern.

Das Münster in Schwarzach ist der einzige Backsteingroßbau der Romanik am  Oberrhein.

 

Aussenansicht


Ab 960 besaß die Abtei bereits weitläufige Güter im Elsass. Eine Generation später kann an der Römerstraße, in Höhe der Rheinfähre, ein Markt mit Münzrecht nachgewiesen werden. 

Die Blütezeit des Klosters erlosch, als das Lehen von Straßburg nach Speyer übertragen wurde und gedieh und wuchs erst wieder in Folge der cluniazensischen Klosterreform.

Der Kirchenbau, den wir heute sehen, „ist völlig von den Baugewohnheiten der durch die(se) Reform der zusammengefassten Klöster bestimmt. ... Noch nach mehr als 200 Jahren ist hier das in Burgund, für den 2. Bau von Cluny, geschaffene Grundrißschema verbindlich geworden.“ 

 

Cluny A                        Modell

 

Die zweite wichtige Bauphase mit Errichtung des Konvents und Kreuzgangs, wird auf Mitte des 13.Jahrhunderts datiert.

Die Fertigstellung der Kirche erfolgte erst 1302 mit der Altarweihe.

 Im 17. Jahrhundert wurden sämtliche Konvent- und Wirtschaftsgebäude neu errichtet.

Im 18. Jahrhundert veränderte der Baumeister Peter Thumb die Anlage nach dem barocken Stil seiner Zeit.

Im Zuge der Säkularisierung wurden die meisten der Barockbauten wieder abgerissen. Das Münster wird Pfarrkirche der Gemeinde.

Unglückliche Restaurierungsversuche im 19.Jahrhundert wurden durch die grundlegenden Arbeiten von Prof. Arnold Tschira behoben.

Durch den fast vollständigen Neubau der Seitenschiffe, sowie der Erneuerung der mittelalterlichen Farbgebung, hat die Kirche viel von ihrer ursprünglichen Ausdruckskraft zurückerhalten.


Tag mit Mauer                   


Wie alle damaligen Bauten besteht das Quaderwerk der Kirche aus rotem Sandstein. Die dazwischenliegenden Mauern bestehen jedoch aus relativ großen Backsteinformaten.

 

Backsteinbogen

 

Die Kenntnis der Backsteintechnik gelangte Mitte des 12. Jahrhunderts von Oberitalien aus nach Deutschland. Zuerst wurden die flachen Grünlinge noch direkt aus dem Lehm herausgeschnitten, doch bald entwickelte man Holzkästen, in die man den Lehm strich. Mit profilierten Hölzern variierte man Form und Struktur der Quadersteine. 

Das "Schwarzacher Knöpfchen" ist die älteste datierbare Glasmalerei am Oberrhein, um 1000, Fundort Nordquerhaus Kirche.

 

 Schwarzacher Köpfle


Literatur

Abteikirche Schwarzach, Grosse Baudenkmäler Heft 237, Deutscher Kunstverlag München Berlin 1973
Institut für Baugeschichte, Karlsruhe
Gottfried Kiesow, Wege zur Backsteingotik, MONUMENTE Publikationen, S.10, ebd.

 

Bildnachweis

Baden-GEO-Touren
Abteikirche Schwarzach
Badisches Landesmuseum Karlsruhe

 

Willi Andreas Weishaupt 2014
© Baden-GEO-Touren
 

Schwarzacher...
Schwarzacher...
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Schwarzacher...

Baudenkmäler der Stadt Baden-Baden

 

Ehemalige Tore und Türme der Stadtbefestigung

Obertor und Ooser Tor 600

 

Hexenturm 300

Gernsbacher Tor 300 

 

 

Beuerner Tor 200

 

 Stiftskirche

 Stiftskirche Risszeichnung 2 300

 

 

 

Stifskirche und Antiquitätenhalle 300

 

 

Neues Schloss

Neues Schloss Risszeichnung 1 600

 

Burg Hohenbaden

Hohenbaden Risszeichnung 700

 

Kloster Lichtenthal

Kloster Lichtenthal Rekonstruktion 1775 500

 

Quelle:

Emil Lacroix, Peter Hirschfeld und Heinrich Niester: Die Kunstdenkmäler der Stadt Baden-Baden, Verlag C.F.Müller, Karlsruhe, 1942

Kloster Maulbronn

 

Maulbronn EingangIm Nordwesten des Landes liegt zwischen waldigen Hügeln und kleinen stillen Seen das große Zisterzienserkloster Maulbronn.

 

 

 

 

 

 

 

 

Weitläufig, fest und wohl erhalten stehen die schönen alten Bauten und wären ein verlockender Wohnsitz, denn sie sind prächtig, von innen und außen, und sie sind in den Jahrhunderten mit ihrer ruhig schönen, grünen Umgebung edel und innig zusammengewachsen. 

Wer das Kloster besuchen will, tritt durch ein malerisches, die hohe Mauer öffnendes Tor auf einen weiten und stillen Platz.

Ein Brunnen läuft dort, und es stehen alte ernste Bäume da und zu beiden Seiten alte steinerne und feste Häuser und im Hintergrunde die Stirnseite der Hauptkirche mit einer spätromanischen Vorhalle, Paradies genannt, von einer graziösen, entzückenden Schönheit ohnegleichen.

Auf dem mächtigen Dach der Kirche reitet ein nadelspitzes, humoristisches Türmchen, von dem man nicht begreift, wie es eine Glocke tragen soll.

Der unversehrte Kreuzgang, selber ein schönes Werk, enthält als Kleinod eine köstliche Brunnenkapelle; das Herrenrefektorium mit kräftig edlem Kreuzgewölbe, weiter Oratorium, Parlatorium, Laienrefektorium, Abtwohnung und zwei Kirchen schließen sich massig aneinander. Malerische Mauern, Erker, Tore, Gärtchen, eine Mühle, Wohnhäuser umkränzen behaglich und heiter die wuchtigen alten Bauwerke. [1]

 

So beschreibt Hermann Hesse in seiner Erzählung „Unterm Rad“ das Kloster Maulbronn.

Er flüchtete 1892 nach einem Jahr. Nicht nur Hesse litt unter den strengen Regeln, die zu seiner Zeit bereits (seit der Säkularisation) gelockert waren.

Johannes Kepler, Hölderlin und Kerner,  „badische Revolutionäre“ Hermann Kurz und Georg Herwegh, sie und viele andere waren in Maulbronn.

Klosterschulen waren in der damaligen Zeit für mittellose, d.h. nicht adlige oder städtische reiche Kaufmannssöhne, die einzige Möglichkeit eine gute Ausbildung zu erhalten und die Klosterschule bot, mit der Aussicht eines späteren Theologiestudiums, diese Chance.

Besuchen wir das Kloster heute, so scheint es uns dank Hesses Beschreibung vertraut, wenig hat sich in den letzten 100 Jahren verändert, auch im Gesamtbild in den Jahrhunderten seit der Gründung im 12. Jahrhundert, so dass diese am besten erhaltene Klosteranlage nördlich der Alpen uns heute zu einem Spaziergang durch die Architekturgeschichte von der Romanik bis zur Hochgotik einlädt.

Wir betreten das Kloster durch den im 15. Jahrhundert errichteten und im 18. Jahrhundert stark veränderten Torturm.
Rechts und links davon befinden sich Pförtner-, Wach- und Gewerbebauten (Wagnerei und Schmiede).

Wir erreichen den vorderen Klosterhof. Linkerhand liegt die Mühle, die wir später besuchen wollen.

Im Mittelalter verlief in Höhe des Gesindehauses und des Kameralamts (ein Vorläufer des heutigen Finanzamts) eine Wehrmauer.

Dominiert wird das heutige Hofensemble durch den rechts gelegenen Fruchtkasten, dem größten Bau der Anlage und dem wichtigsten Speicher des Klosters.

Auf dem gleichen Weg, den die mittelalterlichen Konversen (Laienbrüder) nahmen, erreichen wir die naheliegende Kirche und deren Vorhalle, die uns zum Paradies führt.

Dies ist wohl einer der schönsten Räume, der uns aus der Frühgotik erhalten geblieben ist. Die Eingangstüren, aus Schwarzwälder Tannenholz, sind die ältesten Türen Deutschlands. Sie waren einst mit Tierhäuten bespannt und rot bemalt.

 

Wir betreten die Kirche.

Die dreischiffige Pfeilerbasilika wirkt beeindruckend lang, da sie zwei Kirchen, nämlich die Laien- und die Mönchs-Kirche beherbergt.

Die ehemals flache Holzbalkendecke wurde schon im 14. Jahrhundert beim Anbau der angrenzenden Stifterkapellen durch ein gotisches Netzgewölbe ersetzt.

Im Chor das berühmte Steinkruzifix, das Conrad von Sinzheim erschaffen hat.

Im nördlich an die Kirche stoßende Kreuzgang und im (Herren-) Refektorium finden wir die Künste des burgundischen Baumeisters wieder.

Refektorium des Klosters Maulbronn A

[2]

Im Ostflügel betreten wir den Kapitelsaal. Hier trafen sich die Mönche täglich zur Lesung der Ordensregeln. Durch den östlichen Ern (fränkisch für Flur) gelangen wir über den Nordflügel des Kreuzgangs zum Brunnenhaus mit dem berühmten dreischaligen Brunnen. Sein Wasser stammt aus Quellen, die uns zum Mühlenhaus zurückführen.

maulbronn Paradies

Die Zisterzienser waren Meister der Wasserwirtschaft.

Sie legten in Maulbronn über mehrere Geländestufen einen Verbund von etwa zwanzig Seen und Teichen an.

Zur Entwässerung des Feuchtgebietes schufen sie zunächst östlich des Klosters ein weit verzweigtes Grabensystem, mit dem sie das Oberflächenwasser im Graubrunnengebiet und Roten Hain der Salzach zuführten.

Im Tiefen See stauten sie die Salzach durch einen hohen Damm zu einem Wasserreservoir und Fischgewässer auf. Durch ein Ablaufsystem konnte das Wasser im Tiefen See reguliert und der Wasserbedarf zum Antrieb der Mühle gesteuert werden. Den Wasserlauf der Salzach fassten die Zisterzienser innerhalb der Klostermauern als Kanal, der Abwässer und Abfälle aufnehmen konnte und das Kloster bis heute durchfließt. [3]

Maulbronn war nicht nur ein Kloster, sondern eine autarke „Insel“ im Ozean der stürmischen Jahrhunderte.

Das Kloster ist seit 1993 als UNESCO-Weltkulturdenkmal in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen und beherbergt heute drei Museen.


[1] Hermann Hesse, Unterm Rad, suhrkamp, 1972, Drittes Kapitel
[2] Brockhaus’ Konversations-Lexikon, Jubiläums-Ausgabe, Leipzig, 1902
[3] Kloster Maulbronn, Carla Mueller und Karin Stober, 2013 Deutscher Kunstverlag Berlin

 

Willi Andreas Weishaupt 2014

 

Kloster Lichtenthal in alten Ansichten

Markgräfin Irmengard von Baden

 

Kloster Lichtenthal Fürstenkapelle A
gründete im 13. Jahrhundert
das Kloster Lichtenthal

 

Um 1200 wurde Irmengard von Baden geboren. Sie entstammte den beiden mächtigsten Geschlechtern des deutschen Mittelalters, Welfen und Staufer. Sie war die Tochter des Welfen Heinrichs I., ein Sohn Heinrich des Löwen und Agnes, die Erbtochter des  Staufers Konrad, Pfalzgraf bei Rhein.

 

 1210 verlobte sich die junge Pfalzgräfin mit Markgraf Hermann V. von Baden und heirate ihn 1219.

Im frühen Mittelalter lebten viele Klöster im Konflikt zwischen geistlichem Streben gemäß der Klosterlehre und dem weltlichem Anspruch des Adels.
Deshalb wurde der Ruf nach Reformen des monastischen Lebens immer lauter.

Aus dieser Sehnsucht heraus, verließen 1098 Mönche der Abtei Mosleme in Frankreich ihr Kloster, um in der Gegend von Cîteaux (lat. Cistercium) nach der alten Regula Benedicti, ein einfaches, von der Hände Arbeit bestimmtes Leben zu führen. Als 1113 der Abt Bernhard von Clairvaux nach Cîteaux kam, der durch seine charismatische Art viele Anhänger und Freunde auch im weltlichen und politischen Leben hatte, begann für die Cistercienser ihre Blütezeit in Europa, später oft das „bernhardinische Zeitalter“ genannt.

Das erste deutsche Cistercienserkloster wurde 1123 in Klamp, dem heutigen Kreis Wesel zugehörig, gegründet.

Heinrichs zweite Frau Agnes von Landsberg gründete zwischen den Jahren 1225 und 1233 das Cistercienserinnenkloster Wienhausen bei Celle.

Somit führte Irmengard von Baden einerseits die Familientradition fort, als sie 1245 die Cistercienserinnen-Abtei Lichtenthal gründet, war doch das Kloster für Frauen des Mittelalters der einzig mögliche Raum, geistliche und vereinzelt auch weltliche Erziehung zu erfahren und dies dort zur Entfaltung zu bringen und andererseits suchte die Markgräfin nach dem Tod ihres Ehemanns 1242 auch nach einem Ort , der als Grablege der Familie dienen konnte.

Doch vielen männlichen Geistlichen, vor allem solchen, die auch weltliche Macht erstrebten oder innehatten, waren diese Frauenkloster suspekt und so wurde Ende des 13. Jahrhunderts die Zahl der Frauenklöster „eingefroren“ und Neugründungen nicht mehr erlaubt.

Heilige

Links: Gerungus, Uta von Schauenburgs Sohn, erster Abt des Klosters Allerheiligen, Mitte: Helena, Mutter des röm. Kaisers Konstantin, Rechts: Uta von Schauenburg, Stifterin von Allerheiligen

 

Alle drei Sandsteinfiguren stammen aus dem aufgehobenen Kloster Allerheiligen.

 Irmengard selbst hatte bei der Gründung des Klosters Lichtenthal anfangs viele Gegner, auch den Bischof von Straßburg, der alle Pläne der Markgräfin auf Gründung eines neuen, weiteren Klosters ablehnte.
Diese wusste sich zu wehren, leitete den Grenzfluss Oos einfach um und so gehörte das Kloster nunmehr, da rechts der Oos gelegen, zum Bistum Speyer.

 Nonnen aus dem Kloster Wald bei Meßkirch trafen ein, Irmengard kümmert sich um die päpstliche Anerkennung, die Innozenz IV. in einem Schutzbrief und einem Ordensprivileg auch bestätigte.

 Irmengards Söhne, Hermann und Rudolf stellten im März 1245 den Stiftungsbrief aus und übergaben damit ihrer Mutter „das Patronatsrecht der Kirchen in Ettlingen und Baden, ihren Zehnten in Iffezeim, die Dörfer Winden und Beuren mit allem Zubehör, zwei Höfe in Oos, einen in Eberstein und 12 Pfund Straßburger Münze von ihren Zinsen in Selz“.

1248 wird Frau Trudine zur ersten Äbtissin bestellt und das Kloster Lichtenthal wird in den Cistercienserorden aufgenommen.
Im gleichen Jahr überträgt Irmengard ihre Güter dem Kloster und lebt dort im Konvent.

Am 24. Februar 1260 stirbt Markgräfin Irmengard und wird im Altarraum der Kirche, neben ihrem Gemahl beigesetzt.

Quelle: 750 Jahre Kloster Lichtenthal, Festschrift zum Klosterjubiläum 1245-1995, ebd.

 

Willi Andreas Weishaupt 2014
© Baden-GEO-Touren

 

Selbstbilnis Adolphie Herpp 140  Arthur Grimm 140  Georg Groddeck 140 Paracelsus 140 

 Adolphine Herpp

 Arthur Grimm  Georg Groddeck  Paracelsus
  Heinrich Hertz 140 Sybilla Augusta 140 Caracalla 140   Philipp Melanchthon 140
  Heinrich Hertz
Franziska Sibylla Augusta
von Sachsen-Lauenburg
Caracalla   Philipp Melanchthon

 

Johann Schroth 140
Heilige 140  Drais.jpg 140  Emma Herwegh.jpg 140 
Johannes Schroth
Carl Julius Späth
Irmengard von Baden Karl von Drais Emma Herwegh

 

 Georg Herwegh 140 Eduard Fortunat Türkenlouis 140 Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen 140 TAB
Georg Herwegh Eduard Fortunat
Ludwig Wilhelm von
Baden
Hans Jakob Christoph
von Grimmelshausen
Thomas Anshelm

 

 

Georg Groddeck

Georg Groddeck 20013. Oktober 1866 † 11. Juni 1934
Georg Groddeck war Arzt, Schriftsteller und ein maßgeblicher  Wegbereiter der Psychosomatik.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Mark Twain

Gemälde von James Carroll Beckwith
 
30. November 1835 † 21. April 1910
war ein amerikanischer Schriftsteller.
 

1835 wurde er als Samuel Langhorne Clemens in Florida, Missouri geboren.

Nach dem Tod seines Vaters musste er im Alter von 12 Jahren die Schule abbrechen und begann eine Lehre als Schriftsetzer.
Mit 17 Jahren ging er nach New York. Mit 22 Jahren war er Lotse auf dem Mississippi, nahm am Sezessionskrieg auf Seiten der Konföderierten teil und suchte in den Bergen von Nevada nach Silber.
Er wurde Reporter, schrieb für Zeitungen und Reiseberichte für Verlage.
Ab 1863 nannte er sich in seinen literarischen Veröffentlichungen Mark Twain.
1878 reiste Mark Twain durch Deutschland, die Schweiz und Italien.
Er kam über Heidelberg nach Baden-Baden und in den Schwarzwald.
Er lobte die Bäder, liebte den Schwarzwald aber ließ fast kein gutes Haar an der Bäderstadt.
1880 schreibt er darüber ein Buch A Tramp Abroad, -  Bummel durch Europa.
1894 musste er mit seinem Verlag Konkurs anmelden.
Die in den nächsten Jahren folgenden Vortragsreisen unternahm er um seine Schulden abzutragen.
1910 starb Mark Twain in Redding (Connecticut).

 

Mark Twain über Baden-Baden:

„Ich glaube fest daran, dass ich meinen Rheumatismus in Baden-Baden gelassen habe. Er steht Baden-Baden gern zur Verfügung. Ich hätte gern etwas Ansteckendes zurückgelassen, aber das lag nicht in meiner Macht.“

„Es ist ein fades Städtchen, überall trifft man auf leeren Schein, kleinlichen Betrug und Aufgeblasenheit,
aber die Bäder sind gut.“

 

Mark Twain über den Schwarzwald:

Mark Twain 200

„Von Baden-Baden aus machten wir den üblichen Abstecher in den Schwarzwald. Die meiste Zeit über waren wir auf den Beinen. Man kann diese edlen Wälder ebensowenig beschreiben wie die Empfindung, die sie hervorrufen. Ein Zug dieser Empfindung ist jedoch ein Gefühl tiefer Zufriedenheit; ein anderer Zug ist eine heitere, jungenhafte Fröhlichkeit; und ein dritter und deutlich spürbarer Zug ist das Gefühl, daß die Alltagswelt weit entfernt und daß man von ihr und ihren Angelegenheiten vollkommen befreit sei.

Diese Wälder erstrecken sich ohne Unterbrechung über ein riesiges Gebiet; und überall sind sie sehr dicht, sehr still, sehr harzig und duftend. Die Baumstämme sind stark und geradegewachsen, und an vielen Stellen ist der Boden meilenweit unter einem dichten Moospolster von leuchtend-grüner Farbe verborgen, dessen Oberfläche keine welken oder rissigen Stellen aufweist und dessen makellose Sauberkeit keine herabfallendes Ästchen oder Blatt befleckt.

Das satte Dämmerlicht einer Kathedrale durchdringt die Säulengänge; die vereinzelten Sonnenflecke, die hier auf einen Stamm und dort auf einen Ast treffen, treten deshalb stark hervor, und wenn sie auf das Moos treffen, so scheint das beinahe zu brennen. Aber die sonderbarste und zauberhafteste Wirkung bringt das zerstreute Licht der tiefstehenden Nachmittagssonne hervor; da vermag kein einzelner Strahl in die Tiefe zu dringen, doch das zerstreute Licht nimmt von Moos und Laubwerk Farbe an und durchflutet den Wald wie ein schwacher, grüngetönter Dunst, das Bühnenfeuer des Feenreiches. Der Hauch des Geheimnisvollen und des Übernatürlichen, der zu allen Zeiten im Wald spukt, wird durch dieses unirdische Glühen noch verstärkt.“


Quellen:
Alle Zitate aus : Mark Twain, Bummel durch Europa, Aufbau Verlag    
[1] Mark Twain, Upton House, 1906, aus Mark Twain, Meine geheime Biographie, Aufbau Verlag, 2012

Kaiser Caracalla

 Caracalla_II_Fr.Bad.jpg
Caracalla, Friedrichsbad
Marcus Aurelius Antonius Bassianus
geb. am 4. April 188 zu Lyon, † 8. April 217 zu Edessa
war ein römischer Kaiser.
 

Caracalla nannten ihn viele Römer, weil er in Rom ein neues Kleidungsstück einführte und den Massen schenkte, die Caracálla (ein vorn und hinten hoch geschlitzter Rock mit langen Ärmeln, evtl. mit Kapuze) der in Gallien getragen wurde, ein keltischer Kapuzenmantel. Seine Excellenz höchstpersöhnlich modifizierte dieses bewährte Kleidungsstück (im wesentlichen kürzte er den Rock).

Lucius Septimius Bassianus war der älteste Sohn des römischen Kaisers Septimius Severus und dessen syrischer Frau Julia Domnia.

Weil er drei Namen hatte, wurden ihm auch drei Eigenschaften seiner Familie zugeordnet: Von den Galliern soll er Leichtsinn, Feigheit und Tollkühnheit, von den Syrern Verschlagenheit und von den Afrikanern Härte und Grausamkeit geerbt haben, so der Historiker Cassius Dio.

 

Mit zehn Jahren erhob ihn sein Vater zum Cäsar, jetzt nannte er sich Marcus Aurelius Antonius Bassianus.

Sein Vater starb 211 auf einem Feldzug in Britannien auf dem ihn seine beiden Söhne Caracalla und Geta begleiteten.

Nachdem die Brüder aus England nach Rom zurückgekehrt waren, ließ  Caracalla seinen Bruder Geta in den Armen seiner Mutter ermorden.
An die 20.000 Anhänger seines Bruders Geta ließ er umbringen.

Caracalla war nun der gottgleiche Alleinherrscher, seine Vorbilder waren Achilles und vor allem Alexander der Große.

Caracalla brauchte viel Geld um seinen ausschweifenden Lebensstil und um seine Soldaten zu bezahlen.
Terror, Enteignung und Erpressung waren für ihn geeignete und beliebte Mittel, dies zu erreichen.

Am 11. Juli 212 gab er allen freien Untertanen des römischen Reiches das Bürgerrecht. Das bedeutete, dass 30 Millionen neue Bürger Abgaben zahlen mussten. Gleichzeitig verdoppelte er die Erbschaftssteuer für alle Bürger Roms.

Später ließ er einen Doppeldenar mit vermindertem Silbergehalt prägen.

213 führte er in Rhätien einen Krieg gegen die Alamannen.

214 griff er in Dacien (heutiges Rumänien, Gebiete von Bulgarien) die Daker an.

215 zog er nach Alexandria. Hier ließ er die waffenfähige Jugend von seinen Soldaten niederhauen, weil er sich an den Alexandrinern wegen deren beißenden Spötteleien über ihn, rächen wollte.

216 überfiel er das Land der Parther (heutiger Iran und das Zweistromland).

Unter dem Vorwand, die Tochter des Partherkönigs heiraten zu wollen, kam ein Treffen zwischen dem König, dessen Vertrauten und Caracalla zustande.

Er ließ sie alle niedermachen, nur der Partherkönig entkam mit einigen wenigen.

Dann plünderte er das Land.

217 wollte er den Zug wiederholen, aber auf dem Weg nach Edessa ergab es sich, dass er zur Verrichtung der Notdurft beiseitetrat. Dort wurde er von seinen eigenen Offizieren erschlagen.

 

In späterer Zeit blieb Caracalla's Name vor allem durch die nach ihm benannte Therme bekannt. (1)

 

Caracalla war 213 in Aquae (dem späteren Baden-Baden), das fortan Aquae Aurelia hieß, auf einem Feldzug gen Norden.

 

Caracalla_Inschrift_bei_röm._Bad.jpg

Römische Funde, Tiefgarage beim Friedrichsbad

Wenn Sie heute entspannt im warmen Wasser der Caracalla Therme in Baden-Baden so vor sich hinträumen, und bei der Erinnerung an Caracalla, den Namensgeber dieser Therme,  doch eine Gänsehaut bekommen sollten, gehen Sie in die Sauna, aber seien Sie auf der Hut, vor allem, wenn ihre Verwandten in der Nähe sind.

Hab keine Angst vor Fremden, hab lieber Angst vor deiner Familie.

 Willi Andreas Weishaupt 

© Baden-GEO-Touren

 

 

 

(1) Der Bäderkomplex der Caracalla-Thermen, gelegen am Aventin, dem südlichsten der Hügel Roms, wurde von Septimius Severus gebaut und von seinem Sohn Marcus Aurelius Antonius Bassianus, bekannt als Caracalla, AD 216  eingeweiht.

Er bedeckte eine Fläche von 337x328 m.

Der zentrale Bereich von 220x114 m. folgt den Vorstellungen der imperialen Periode:

 

Grundriss Caracallatherme

 

Die zentrale Achse reiht die Bäder: 1 calidarium, 2 tepidarium, 3 frigidarium und 4 natatio auf. Die anderen Räume: 5 apodyteria, 6 sphaeristeria und 7 laconica sind symmetrisch dazu angeordnet.

Gewaltige Zisternen, gegenüber der Eingangsseite, formten ein Stadion. 

Die Seitenfronten bildeten große Exedren (nischenartige Räume), die jeweils drei weitere Räume beinhalteten.

 

 Caracalla Therme

Frigidarium der Thermen des Caracalla zu Rom (Rekonstruktion von Viollet-le-Duc).

 

Nicht nur durch die Größe waren die Bäder spektakulär, sondern auch durch die Dekoration.

Die Wände und die Fußböden des zentralen Beriches bestanden aus einfarbigem Marmor, Mosaikfußboden in den übrigen Räumen, Die vielen Nischen boten Raum für  hunderte von Statuen. 

Anhand der Nischen im zentralen Bereich des Bades nimmt man an, dass dort über 100  Statuen standen.

Viele von ihnen wurde vor dem Bau gefertigt, aber ebenso viele wurden, vor allem die Kolossalstatuen, speziell für die Caracalla-Therme in Auftrag gegeben. So der Herkules oder Asclepius.

Herkules     Herkules Rückseite

Herkules Neapel Museo Archeologico Nationale

 

Der Farnesische Stier MAN

Der farnesische Stier

 

 Caracalla Therme Mänade Palermo

 Mänade Museum Palermo

Im 5.Jh. reihte Polemius Silvius die Bäder in die sieben Weltwunder ein, d.h. die Bäder waren zu dieser Zeit noch in Betrieb und überaus prächtig.

573 belagerten die Goten die Stadt, kappten und zerstörten die Wasserversorgung.

Ohne Wasser kein Bad. Die Bäder zerfielen.

Im 12. Jh. diente das Gelände als Plantage und Weinberg, teilweise als Friedhof und später als Steindepot für Kirchen und Paläste. 

Im 16. Jh. war der Komplex immer noch zugänglich und die meisten dekorativen Elemente in situ. 

 

Bartoli_Ruinen_Caracallatherme_II.jpg

Bartoli, Caracalla

 

Der systematische Diebstahl der Monumente begann 1545 als Alessandro Farnese (Papst Paul III.) per Dekret sich selbst und seiner Familie Ausgrabungen erlaubte, und den Farneses alle Rechte an den gefundenen Kunstgegenständen verlieh.

Literatur:
F.A. Brockhaus Enzyklopädie, Mannheim, 1987
Brockhaus’ Konversations-Lexikon, Jubiläums-Ausgabe, Leipzig, 1901

Philipp Melanchthon

richtiger Melanthon (gräzisiert aus Schwarzerd), geb. am 16. Februar 1497 in Bretten, war ein deutscher Theologe, Philosoph, Philologe und Humanist.

Mit Luther war Melanchthon die wichtigste Person der deutschen Reformation.

Als sein Vater, Waffenschmied des Pfalzgrafen 1507 starb, kam Philipp nach Pforzheim in das Haus seiner Großmutter, einer Schwester Reuchlins.
1510 bezog er die Universität Heidelberg, wurde 1511 Baccalaureus („einer, der mit beerenreichem Lorbeer bekränzt ist“, heute Bachelor). Ein Jahr später wollte er seinen Magister erlangen, wurde aber nicht zur Prüfung zugelassen. (M. war 15 Jahre alt und man traute ihm die notwendige Autorität als Lehrer nicht zu). Melanchthon ging nach Tübingen. Hier wurde er 1514 (also mit 17 Jahren) Magister, las über Aristotelische Philosophie, griechische und römische Klassiker und schrieb eine griechische Grammatik.

Auf Reuchlins Empfehlung wurde er 1518 Professor der griechischen Sprache und Literatur in Wittenberg und entwickelte in seiner Antrittsrede „De corrigendis adolescentiae studiis“ (über die Reform des Jugendstudiums) sein humanistisches Programm. 

Früh schloss sich Melanchthon Luther an. Mit ihm verband ihn eine Freundschaft, die trotz einiger Verstimmungen bis zu Luthers Tod andauerte.

Bei der Leipziger Disputation 1519 war Melanchthon anwesend und trat offen für Luther ein.

1521 publizierte er die erste Zusammenfassung der evangelischen Glaubenslehre (Loci communes).

Seine 1527 verfasste Schrift zur Instruktion für die auf Befehl des Kurfürsten Johann des Beständigen vorgenommene Visitation der sächsischen Kirchen, war die erste evangelische Kirchen- und Schulordnung. 

Die „Augsburger Konfession“ (von 1530, heute als Augsburger Bekenntnis bezeichnet) ist nur nach ihrer letzten Ausarbeitung, dagegen die „Apologie der Augsburgischen Konfession“ ganz sein Werk.

Durch diese Arbeiten gewann Melanchthon in der protestantischen Welt ein so hohes Ansehen, dass Franz der I. von Frankreich und Heinrich Philipp Melanchton Bder VIII. von England ihn zur Ordnung der kirchlichen Angelegenheiten einluden. Diesen Aufforderungen folgte er jedoch nicht, nahm aber an allen wichtigen Verhandlungen zwischen den deutschen Protestanten oder mit den Schweizern oder den Katholiken teil. Überall war er der verständnisvolle Vermittler.

Nach Luthers Tod trat Melanchthon als Gelehrter weithin berühmt und als „Praeceptor Germaniae“ (Lehrer Deutschlands) gepriesen, das schwere Erbe an. Er war nun die höchste Autorität unter den evangelischen Theologen.

Philipp wurde wegen seiner milden, vermittelnden, der Calvinist. Abendmahlslehre geneigten Richtung von den strengen Lutheranern heftig angefeindet. 

Philipp Melanchthon starb in Wittenberg.

In der dortigen Schlosskirche finden wir sein Grab, auf dem geschrieben steht:

„Hier ruht des höchst verehrungswürdigen Philipp Melanchthons Leib, der im Jahre 1560 den 19. April in dieser Stadt gestorben ist, nachdem er gelebt hat 63 Jahre 2 Monate und 2 Tage.“

Die Einheit der Kirche war sein letzter Wunsch, die Streitsucht der Theologen (rabies theologorum) seine letzte Klage.

Ein Haus für Melanchthon wurde 1901 in Bretten vollendet und 1903 eingeweiht.

Heute befindet sich dort ein reformationsgeschichtliches Museum, eine Bibliothek und die Europäische Melanchthon-Akademie Bretten.

 

Bretten Melanchtonhaus

 

 

Bretten Melanchtonhaus M

 


Quellen:
Brockhaus, Konversationslexikon, Jubiläumsausgabe, 1902
Brockhaus, Kleines Conversations-Lexikon, Leibzig, 1888
Georg Urban, Philipp Melanchthon - Sein Leben, Melanchthonverein Bretten
Willi Andreas Weishaupt 2014
© Baden-GEO-Touren

Johannes Schroth

 

Johann Schroth 180geb. 18. Dezember 1859 in Jöhlingen, † 23.11.1923 bei Offenburg

war Architekt, Baurat und um 1900 einer der wichtigsten Kirchenbaumeister im badischen Raum, begann ein Architekturstudium in Karlsruhe und Charlottenburg.

 

 

 

 

 

Karl Friedrich Ludwig Christian Freiherr Drais von Sauerbronn


geb. 29. April 1785 in Karlsruhe, † 10. Dezember 1851 ebenda

 war Baron, Forstmeister, Erfinder des Fahrrads und für viele ein schwarzes Schaf.

 Als Karl getauft wurde, war der regierende Markgraf (1) als Taufpate anwesend. Fast zwei Dutzend weitere badische Adelige, Prinzen und Prinzessinnen gaben sich die Ehre.

Karl beeindruckte dies vermutlich wenig, aber sicherlich erfreute die große Equipage seinen stolzen Vater Carl und seine glückliche Mutter Margarethe Ernestine von Kaltenthal.

 

Vater Carl kam aus altem Hochadel, im 17. Jahrhundert war die Schauenburg (bei Basel) ihr Wohnsitz. Im 18. Jahrhundert gingen viele Adlige ohne Grundbesitz in den Staatsdienst, so auch einige von Sauerbronns.

Carl war ein einflussreicher und vielbeschäftigter Mann in den markgräflichen Verwaltungsgremien in Karlsruhe (damals etwa 4.500 Einwohner).
Er war Polizeidirektor, bald geheimer Rat, badischer (Ober-)Hof- und Regierungs-, Gerichts- und Kirchen-Rat.

Vater Carl

Zuhause war er „ungnädig“, aufbrausend und jähzornig. Er kontrollierte alles und jeden, auch sich selbst.

Als die Ärzte ihm „epileptisches Irresein“ diagnostizierten, war Karl fünf Jahre alt.

Karl hatte drei jüngere Schwestern, als die Familie auf Wunsch des Markgrafen nach Kirchberg (Grafschaft Sponheim im Hunsrück) zog.

Hier lernte Karl fechten und dichten, mit seinem Vater alsLehrmeister.

Karl träumte vom „Schinderhannes“ und erdachte vielleicht seine ersten „Konstruktionen“.

Bald war diese Idylle vorbei. In den Wirren der Französischen Revolution verlor Baden die linksrheinischen Gebiete und im Hundsrück wehte ein anderer Wind.

Karls Vater hatte inzwischen seine Krankheit überwunden, durch „Disziplin und Diät“, und natürlich hatte er ein Buch darüber geschrieben.

Die Familie zog nach Durlach.

1797 leitete Carl für den Markgrafen u.a. die Polizeimaßnahmen während des Rastatter Friedenskongresses. Erst 1799 kehrte er zu seiner Familie zurück.

Für Karl war das kein gutes Jahr.
Zuerst starb sein neugeborener Bruder, dann seine geliebte Tante Christine. Seine Mutter, seit langem krank, wurde immer schwächer.  

Der Vater, der den Anblick seiner sterbenden Frau nicht ertragen konnte, schickte Karl an das Sterbebett. Im Morgengrauen musste Karl seinem Vater den Tod Margarethes mitteilen.

Karls schulische Leistungen wurden schlechter. Sein Vater wütender. Also kam Karl zu seinem Onkel Friedrich. (2)

Der hatte die erste Forstschule in Baden gegründet und zog bald von Eberstein bei Gaggenau, nach Pforzheim.

Drei Jahre blieb Karl bei seinem Onkel, danach ging er nach Heidelberg und studierte Landwirtschaft, Physik und Baukunst.

Sein Vater Carl schrieb Briefe. An den Markgrafen, die Heidelberger Professoren.

Und so wurde Karl mit 19 Jahren Jagd- und zwei Jahre später Hofjunker im Oberforstamt Rastatt mit einem Jahresgehalt von anfangs 240 Gulden. Ein einfacher Lehrer verdiente 50 Gulden im Jahr.

Die nächsten Jahre wanderte Karl von Forstamt zu Forstamt (Schwetzingen, Freiburg, Offenburg und Schuttern). Er fühlte sich von seinen Vorgesetzten ausgenutzt, das Forstamtsleben war ihm zu eintönig.

Schließlich ließ sich Karl beurlauben, und zog sich als 25-jähriger in das Nest seines Vaters, der inzwischen Präsident des badischen Gerichtshofes in Mannheim war, zurück. Seine Bezüge behielt er.

Karl widmete sich nun ausschließlich den Wissenschaften und dessen technischer Umsetzung.

Bald veröffentlichte er mathematische Beiträge über die „Dyadik“ (3) und über Lösungsverfahren algebraischer Gleichungen.

1813 präsentierte Karl die „Fahrmaschine ohne Pferd“, einen vierrädrigen Wagen, dessen Hinterräder durch eine Kurbelwelle, die direkt mit den Füßen getreten wurde, angetrieben wurden. Gelenkt wurde mit zwei Holmen, die abgeklappt als Deichsel für ein Zugpferd verwendet werden konnten.

 

Fahrmaschinen.jpg 500
 
 

Karl bat den neuen Markgrafen (4) um Patenschutz.

Der ordnete jedoch zuerst ein Gutachten von Weinbrenner und Tulla an.

Unterdessen hatte Karl Gelegenheit, Zar Alexander seine Fahrmaschine in Karlsruhe vorzustellen. „C’est bien ingenieux“ soll der Zar gesagt haben.

Dann das vernichtende Gutachten der beiden deutschen Experten, die meinten, der Mensch solle doch lieber "die eigenen zwei Beine benutzen".

Damit bekam Karl für seine Fahrmaschine keine markgräfliche Unterstützung, ja es wurde ihm verboten, offiziell, z.B. in Forstamts-Uniform seine Fahrmaschine vorzuführen.

Beamte durften damals keinen Nebenerwerb ausüben.

Karl erfand das Laufrad.

 

Zwei hintereinander liegende Räder waren miteinander verbunden, das vordere Rad war lenkbar und stabilisierte sich durch einen veränderbaren Nachlauf. Rahmen, Räder und Lenksystem bestanden aus Eschen- oder Kirsch-Holz, die Achslager aus Bronze. Das Rad wog ca. 22 kg, also wenig mehr als ein heutiges Fahrrad. Das Hinterrad hatte eine Schleifbremse, die durch einen Seilzug betätigt wurde. Drais entwickelte für sein Laufrad einen höhenverstellbaren Sattel, einen „Standfuß“ (am Vorderrad), einen Gepäckträger und Satteltaschen.

 Laufrad


 

Man saß auf dem Rad und stieß sich mit den Füßen ab. Da das Körpergewicht auf dem Rahmen lastete, konnte man sich verblüffend schnell fortbewegen.

Diese Laufmaschine, wie er sie nannte, war das erste Zweirad der Geschichte und das effizienteste Fortbewegungsgerät, das der Mensch je erschuf.

Am 12. Juni 1817 begann das Zeitalter des Fahrrads.

Karl fuhr mit seinem Zweirad in einer Stunde von Mannheim zur Relaisstation Schwetzingen (genau genommen ist das die halbe Strecke zwischen Mannheim und Schwetzingen, gefahren auf der besten Straße, Strecke: ca. 14 km) und wieder zurück.

Einige Wochen später startete er in Gernsbach und hatte einen spektakulären Zieleinlauf in Baden-Baden. (5)

Im August fuhr er in vier Stunden von Karlsruhe nach Kehl.

Die Postkutsche brauchte 16 Stunden für die 52km lange Strecke.

Karl Drais erfand das heutige Fahrrad, ohne eigenen mechanischen Antrieb.

Warum hat er seinen Beinen vertraut und keinen mechanischen Antrieb der Laufmaschine in Erwägung gezogen?

Er hatte Antriebsvarianten in seinen vierrädrigen Fahrzeugen ja schon eingesetzt.

Die Stabilität seiner ersten Laufräder entsprach nicht der eines heutigen Fahrrads. Carl Benz, der schon als Knabe ein begeisterter Anhänger seines Nachbarn war, brauchte angeblich mehrere Wochen, um das Laufrad zu beherrschen.

Karl war auch ein Kind seiner Zeit. Er traute sich nicht, "den Bodenkontakt" zu verlieren.

Außerdem war Karl ein begeisterter und guter Schlittschuhläufer. Er erprobte und fuhr seine Laufmaschine zuerst auf den zugefrorenen Seen und Flüssen seiner Heimat. Er stellte sie auf Kufen und mit seinen Schlittschuhen stieß er sich ab, beschleunigte und legte sich mit dem Zweirad in die Kurven.

Alle bekannten Antriebe seiner Zeit setzten viel weniger Energie in Fortbewegung um. Karls kräftige Beinmuskulatur wirkte direkt. Warum sollte er nicht auf den Rat der Experten hören und „seine eigenen Beine benutzen“?

Schneller auf dem Eis als Karl war jedenfalls keiner unterwegs.

Anfang 1818 bekam Karl vom Markgrafen ein Patent auf 10 Jahre für seine Laufmaschine. Damit war seine Erfindung aber nur im kleinen Baden geschützt.

Jedes Zweirad, das in Baden verkauft wurde, trug sein Familienwappen - ein Affront, meinten nicht nur die von Sauerbronns.

 

Wappen Drais                                                                                       Drais Plakette

 

In ganz Europa wurde sein Ur-Fahrrad mehr schlecht als recht nachgebaut.

Karl verdiente keinen einzigen Gulden an diesen Plagiaten.

Sein Laufrad nannte man Draisine in Deutschland, Draisienne oder Velocipede in Frankreich und in England German horse oder hobby horse.

Besonders beliebt war die Laufmaschine bei den Studenten und auf den Turnplätzen, aber auch der badische Hof begeisterte sich und kaufte auf die Person angepasste Zweiräder. In privaten Parks, auf den gepflegten Alleestraßen war damit gut fahren, und so wurde das Urfahrrad für kurze Zeit ein Spielzeug der Reichen.

Karl wurde zum Professor der Mechanik ernannt.

Leider ein Ehrentitel, der im keinen einzigen zusätzlichen Gulden einbrachte.

Dann ermordete der Burschenschaftler und Theologiestudent Karl Ludwig Sand den „Landes und Volksverräter“, den Bühnenautor und Schriftsteller August von Kotzebue.
Sand wurde 1820 mit dem Schwert hingerichtet.
Der Oberhofrichter, der ein Gnadengesuch an den Markgrafen ablehnte, war Karls Vater.

Metternich setzte die unsäglichen Karlsbader Beschlüsse durch.
Karls Vater führte sie aus.
Verbot der Pressefreiheit und der Burschenschaften, Überwachung der Universitäten und die europaweit einmalige Schließung aller Turnplätze über Jahrzehnte hinweg (von 1820 bis 1848) waren gut für die restaurativen Mächte, aber schlecht für den Verkauf weiterer Laufmaschinen des Karl Dreis.

Laufräder auf den Bürgersteigen zu benutzen, wurde wg. potenzieller Unfallgefahr bald verboten. Später wurden als Zubehör Hundeabschreckpeitschen mit angeboten.

Karl erlebte die Ablehnung, die eigentlich seinem Vater galt. Er wurde von Freunden Sands beleidigt und verleumdet. Sein Vater wollte ihn verschwinden lassen.

Auch der ewige Kleinkrieg mit den peniblen Finanzbeamten (die Forstverwaltung wollte Karls Pension nicht mehr bezahlen) zerrte wohl an seinen Nerven.

Karl verlässt Europa.

Als Vermessungstechniker reist er mit Georg von Langsdorff
(und neunzig Kolonisten) nach Brasilien.

Nach fünf Jahren kehrt er doch wieder nach Mannheim zu seinem Vater zurück und bringt eine „Schnellschreibmaschine“ mit.

Dann bricht seine Welt zusammen. Sein gehasster und geliebter Vater stirbt.


Nun ist alles Vergangenheit, auch seine Laufmaschine.

Geld und Ruhm hat er dafür nicht bekommen.


Karl entwickelt einen effizienten, wärmespeichernden Ofen.

Seine Schwestern verkaufen das Mannheimer Haus. Sie ziehen nach Freiburg.

Karl ist allein.

Seinem Stand wird er ein Ärgernis, den Behörden eine Last und der Familie eine nagende Qual.

Sehr oft besuchte Karl mit seinem Zweirad, immer in seiner Kammerherr- oder Forstmanns-Uniform, die umliegenden Wirtshäusern.

1835 wurde er bei einer von seinen Gegnern inszenierten Wirtshausschlägerei schwer misshandelt. Verbeamtete Biedermänner forderten sogleich weitere Maßnahmen gegen diesen „aufrührerischen Wirrkopf.“

Sein Kammerherrenschlüssel wird ihm entzogen, jedoch ist der Hof für ihn schon lange nicht mehr erreichbar.

1837 startet Karl Gutzkow, ein Sand-Anhänger, eine weitere Rufmordkampagne gegen Karl. Er soll versucht haben, eine Leiche „wiederzubeleben“. Seine Gegendarstellungen in der Zeitung verpuffen.
Karl ist gesellschaftlich ruiniert.

Er wird aufgefordert Mannheim zu verlassen.

Nach Waldkatzenbach (bei Waldbrunn) muss er ziehen, ist bei der dortigen Bevölkerung beliebt, da er dort die Erntemaschinen und die Webstühle repariert und verbessert. Er sei „im Dorfe wohlgelitten, er habe nur immer so viel Durst gehabt“, so die  Dorfbewohner.

Hier stellte er zuerst sein Laufrad, später seine vierrädrige Fahrmaschine auf Eisenbahnschienen.

1842 testete Karl seine Prototypen in Rastatt.

Bald darauf produzierte eine Firma in Karlsruhe Karls auf Schienen gesetzte Fahrmaschine. Diese praktischen Gefährte wurden als Draisinen weltberühmt.

Karl Drais kehrt über Mannheim nach Karlsruhe zurück.

Viele Menschen mögen ihn, er ist ein geistreicher und eloquenter Gesprächspartner und ein gutmütiger Mensch.

1844 machen sich die Karlsruher Narren beim Fastnachtsumzug über die Laufmaschine lustig.

In seinen „Gedankenspänen“ schlägt er vor, dass „das meiste des vielen Geldes, welches die reichen Leute gleichsam hinauswerfen, nur um zu zeigen, dass sie vieles Geld hinausgeworfen haben,...,lieber zum allgemeinen Besten in die Staatskasse fließe“. Für dieses gespendete „Verschwendungsgeld“ sollten die Reichen einen Orden verliehen bekommen. Die Größe des Ordens war abhängig vom gespendeten Betrag.

Während der 48’er Jahre gehört er der Karlsruher Bürgerwehr an, dokumentiert ist seine Teilnahme in Uniform an der Parade zur Rückkehr des Großherzogs Leopold. Doch obwohl er danach seinen Adelstitel wieder führte, den er 3 Monate zuvor, wie in einer Zeitungsannonce angekündigt, abgelegt hatte, entging er nicht der Verfolgung.

Im Mai 1849 wurde er "aufs Übelste mißhandelt", weil er nicht auf das Wohl von Großherzog Leopold anstoßen wollte.

Man zog seine Pension ein und wollte ihn für unmündig erklären. Letzteres verhinderten seine Schwestern.

Karl wurde krank und wollte die Bäder von Baden-Baden nutzen. Man griff ihn auf und schob ihn nach Karlsruhe ab.

Bei Kostgeberleuten, nahe am Wirtshaus kam er unter.

In einer kalten Winternacht starb Karl im Alter von 66 Jahren in Karlsruhe.

Auf dem alten Friedhof nahe der Kapelle wurde er beerdigt.

Mit einer gewissen Zielstrebigkeit hatte sich Karl zwischen alle Stühle gesetzt
und erhielt deshalb nie die entsprechende Würdigung für seine Erfindung des Fahrens auf zwei Rädern.


Er war Erfinder, aber kein Unternehmer.

Er war Baron, aber ohne Standesehre.

Er war Demokrat, aber beharrte auch auf seinen adligen Vorrechten.

Für viele war er ein schwarzes Schaf.


„ Bei dieser Gelegenheit grüße ich meine Freunde herzlich, und reiche Jedermann freundlich die Hand, der unparteiisch sich bestrebt, die Wahrheit zu untersuchen und das Gute zu befördern.“
Karl Drais, Mannheim, 1817

© Willi Andreas Weishaupt

 

(1)  Karl Friedrich von Baden

Der damalige Markgraf Karl Friedrich (1728-1811) gilt heute als Musterbeispiel eines aufgeklärten, absolutistischen Herrschers. Er hatte mehr als zehn Kinder und regierte seine Markgrafschaft Baden 73 Jahre lang.

Karl Friedrich schaffte die Leibeigenschaft (1783) ab und beförderte seine Markgrafschaft ins industrielle Zeitalter. Er ließ in Karlsruhe die erste technische Hochschule Deutschlands entstehen und in Pforzheim ein Zentrum der Schmuckindustrie gründen.

(2)  Friedrich Heinrich Georg von Drais

Friedrich Heinrich Georg von Drais war Gründer des Forststudiums  in Baden, zuerst in Gernsbach, später in Pforzheim. Er forstete den Schwarzwald wieder auf, der durch den intensiven Holzeinschlag verursacht durch die Glashütten, die Köhlereien und durch den aufkommenden Scheit-Holz-Handel in seinem Kernbestand bedroht war. Friedrich versuchte neue, bisher nicht heimische Bäume anzusiedeln, dies gelang ihm mit der Lärche.

 (3)   Dyadik

Dyadik, (dyo, griech. zwei) ein Begriff, den Leibnitz zur Darstellung von (Binär-) Zahlen einführte, heute als Dualsystem bekannt.

1854 legte George Boole mit seiner Algebra die Grundlagen für duale Rechenoperationen, aber alle Versuche eine binäre „mechanische“ Rechenmaschine zu bauen, scheiterten.
Erst K. Zuse gelang dies mit seinem elektromechanischen Rechner 1937.

(4)   Karl Ludwig Friedrich von Baden
       geb. 8.Juni 1786 in Karlsruhe, † 8.Dezember 1818 in Rastatt
       Markgraf ab 1811.

(5)  Gernsbach nach Baden-Baden

Karl kannte diese Strecke aus seiner Forstamtszeit gut. Der Weg (etwa 10 km) ging von Gernsbach hinauf Richtung Staufenberg und dann hinunter ins Rotenbachtal bis in die Altstadt von Baden-Baden. Es muss ein Abenteuer gewesen sein, bei Steigungen von bis zu 10 % das ca. 22 kg schwere Laufrad hinaufzuschieben, und nur durch eine mechanische Schleifbremse verzögert, das Rotenbachtal hinab zu rasen.

Bildnachweis:
Karl Friedrich Drais von Sauerbronn im Alter von etwa 30 Jahren, Nach einem Portrait, Stadtarchiv Karlsruhe

Karl Wilhelm Friedrich Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn, Ölgemälde, Künstler unbekannt, Oberlandesgericht Karlsruhe
Draisinenproduktlinie, angefertigt für den Fürst von Fürstenberg, Donaueschingen

Laufrad, das Drais bei seiner Brasilienreise vielleicht mit sich führte, Stadtarchiv Karlsruhe

Wappen der Familie Drais von Sauerbronn, Stadtarchiv Karlsruhe


Literatur:
Hermann Ebeling, Der Freiherr von Drais, G.Braun GmbH, Karlsruhe, 1985
Hans-Eberhard Lessing, Setze alle Welt auf Räder, Baden-Württemberg 1/85

Spektrum der Wissenschaft, Ausgabe: 4.17

S. 62, Lessing, Karl Drais-Das vergessene Genie

S. 68, Kosche, Sozialgeschichte des Fahrrads

S. 74, Schlichting, Konkurrenzlos Sparsam

Stadtgeschichte Karlsruhe, Karl Friedrich DRAIS von Sauerbronn 1785-1851 Ein badischer Erfinder, Ausstellung zu seinem 200. Geburtstag, Karlsruhe 1985

Mit Beiträgen von:

Heinz Schmitt, Hermann Ebeling, Hans-Erhard Lessing, Peter Pretsch

DER SPIEGEL, 10/2017, Christian Wüst, Schleier drüber

Beschreibung der v. Drais'schen Fahr-Maschine, heausgegeben von J.C.S. Bauer, Nürnberg, 1817, in der Steinschen Buchhandlung

Links:

Museen:
Deutsches Museum, München
Städtisches Museum, Karlsruhe
 

 

Emma Herwegh

 

EHgeb. 10. Mai 1817 in Berlin, † 24. März 1904 in Paris

war Literatin, Revolutionärin im badischen Bürgerkrieg 1848/49 und Frauenrechtlerin.

 

Emma war die aufmüpfige Tochter des wohlhabenden Kaufmanns und Hoflieferanten J.G. Siegmund und dessen Frau Henriette.

Wie alle jungen Frauen des Bildungsbürgertums spielte sie Klavier, liebte Liszt und malte.

Aber sie sprach auch mehrere Sprachen und konnte sehr gut schwimmen, reiten und schießen.

Sie liebte es, sich über die im Biedermeier bestehende Geschlechterrolle hinwegzusetzen.

 

 

 

"Dem Manne gleichgestellt will ich nicht werden, ich bin es.

Warum soll ich weniger sein als ein Mann?"

 

Mit 24 Jahren war Emma noch nicht verheiratet, aber sie war verliebt, in  Georg Herwegh, der die „Gedichte eines Lebendigen“ verfasst hatte.

Leider hatte sie ihn noch nie gesehen. Aber sie setzte alles daran ihn kennenzulernen.

Im Winter 1842 war es soweit. Georg besuchte die Familie Siegmund.

Eine Woche später verlobten sie sich, drei Monate später heirateten sie in Baden in der Schweiz. (1)

 

 In Paris fanden die beiden ihre neue Heimat.

Jenny und Karl Marx wohnten um die Ecke.

 

Im Februar 1848 revoltierten die Einwohner von Paris. Der König dankte ab. Metternich musste zurücktreten und die Berliner Barrikaden siegten für kurze Zeit über das preußische Militär.

Im April 1848 versuchte Friedrich Hecker die Konstanzer Bürger für die Revolution zu begeistern. Zu wenige folgtem ihm.

Hessische, württembergische und bayrische Truppen, fast 30.000 Mann wurden von den Herrschenden gegen die „demokratischen Agitatoren“ aufgeboten.

Georg Herwegh wurde von den vielen deutschen Emigranten in Paris zum Präsidenten der Deutschen Demokratischen Liga gewählt.

Ein bunter Haufen war dann die Revolutionsarmee, die mit Emma und Georg Herwegh zur Unterstützung Heckers nach Straßburg zog.

Die tapfere Emma durchquerte mehrmals die feindlichen Linien und traf sich mit Hecker. (2)

Emma lebt in Paris und Zürich.

1855 plant Emma die Flucht von Felice Orsini aus dem Gefängnis in Mantua.

Georg Herwegh ist derweil verliebt. Aber nicht in Emma, sondern in die Frau seines Freundes Alexander Herzens.

Sie versuchen eine Ehe zu viert, aber nach heftigen Streitereien trennt man sich.

Emma zieht nach Genua.

Nach drei Jahren Trennung leben die beiden wieder gemeinsam in Zürich.

Durch die Amnestiegesetze 1866 wird die Rückkehr nach Deutschland wieder möglich.

Emma lässt sich mit ihrer Familie in Baden-Baden nieder und muss im Laufe der Zeit in immer kleinere Wohnungen umziehen.

Nach dem Tod ihres Mannes 1875 zieht Emma über Stuttgart wieder nach Paris und lernt dort den Dichter und Verleger Frank Wiedekind kennen.

Emma Herwegh stirbt mit 86 Jahren, wie Georg an einer Lungenentzündung.

In „freier Erde“ wird sie in Liestal in der Schweiz an der Seite ihres Mannes beerdigt. Auf der von ihr entworfenen Grabplatte steht:

 

Von den Mächtigen verfolgt,

von den Knechten gehasst,

Von den Meisten verkannt,

Von den Seinen geliebt.“

 

Nur eine kleine Plakette erinnert heute in Baden-Baden (Sophienstraße) noch an Emma Herwegh.

 

 

 Emma Herwegh Gedenktafel

 

Willi Andreas Weishaupt 2015

© Baden-GEO-Touren

 

(1) Georg Herwegh wurde wegen Majestätsbeleidigung des Landes verwiesen.

Im Vorfeld einer Audienz beim preußischen König Friedrich Wilhelm IV. wurde ein Brief Herweghs, in dem er die politischen Verhältnisse anprangerte, publik.

In Basel-Land bekam er die Bürgerrechte, nur dort konnte er heiraten.

(2) Doch Hecker zögerte. Am 20. April 1848 trafen die Gegner (Hecker und von Gagern) auf der Scheideck bei Kandern (Wiesental bei Lörrach) aufeinander. General v. Gagern fällt, doch die Schlacht ist für die Aufständischen verloren. Hecker flieht in die Schweiz.

Freiburg wird von den Bundestruppen eingenommen.

Die Herweghsche Revolutionsarmee, die inzwischen den Rhein überquert hatte, wurde von den Württembergern in die Flucht geschlagen. Die Herweghs flüchteten in die Schweiz.

 

Bildnachweis:

  • Wikipedia Commons
  • Baden-GEO-Touren

 

Literatur:

  • Wolfgang Dreßen, 1848-1849: Bürgerkrieg in Baden, Chronik einer verlorenen Revolution, Klaus Wagenbach Berlin, 1975
  • Ursula Dörge, Emma Herwegh, Dichtergattin und Revolutionärin, aus
  • Zwischen Suppenküche und Allee, Frauengeschichten aus Baden-Baden, Gleichstellungsstelle der Stadt Baden-Baden, 2012

Die Deutsche...

 

Georg Herwegh

 

Georg Herwegh 300geb. 31. Mai 1817 bei Stuttgart, †  7. April 1875 in Baden-Baden
war Poet, Dichter, Salon-Revolutionär, Vordenker, Shakespeare-Übersetzer und ein Mensch, der selten lachte.

Georgs Vater Ludwig Herwegh war ein aus Baden eingewanderter Gastwirt.
Seine Mutter Rosina Märklin stammte aus einer schwäbischen Apothekerfamilie.
Die Ehe war nicht glücklich. Ludwig und Rosina stritten sich oft, heftig und rau.

 

 

Mit elf Jahren kam er zu seiner Großmutter nach Balingen, konnte auf Betreiben seiner Mutter die Lateinschule besuchen und als Vorbereitung zur Aufnahme in Maulbronn ein staatliches Examen ablegen.
Dann wurde er krank.


Ein angehender Mediziner promovierte über den Fall „Geschichte eines St. Veits-Tanzes (1) welcher mit dem thierischen Magnetismus (2)  behandelt und zum Theil geheilt wurde“.

Georg war vierzehn Jahre alt, als sich seine Eltern trennten und er in das Maulbronner Seminar aufgenommen wurde. (3)

Mit Achtzehn verließ er Maulbronn um in Tübingen zu studieren.
Von dem theologischen Studium unbefriedigt, und unter den kasernenartigen Verhältnissen des Stifts leidend, geriet er nach mehreren „unehrerbietigen Äußerungen“ zunehmend in den Fokus der Verwaltung. (4)

An einem lauen Sommerabend des Jahres 1836  kam Georg fröhlich angetrunken, aber leider viel zu spät aus dem Wirtshaus zurück ins Stift.  Er war sehr impulsiv, beleidigte die Wache und zwei ältere Studenten, wanderte in den Karzer und wurde aus dem Stift entlassen.

Georg zog wieder nach Stuttgart, arbeitete bei August Lewald in dessen Zeitschrift „Europa“ mit. Lewald beschreibt ihn als einen „in sich gekehrten, bei Diskussionen schroffen poetischen Geist“.

Georg wird zum Militärdienst eingezogen. Er sieht seine reale Situation nicht, beleidigt einen Unteroffizier und aus einer durch Lewalds Beziehungen eingefädelten möglichen „Beurlaubung“ wird dank Georgs Ego eine vierwöchige Kasernenhaft.

Nach verbüßter Haft musste er sein Geld als Übersetzter (Lamartine) verdienen.
Und als er dann doch wieder auf einen Maskenball ging, warf ihn ein gräflicher Oberstleutnant nach „frechem Benehmen“ hinaus und erstatte Anzeige. Ihm drohte die (Zwangs) Einberufung auf „unbestimmte Zeit, zur besseren Bekanntmachung der Disziplin und Subordination“.

Im Sommer 1839 floh er mit Hilfe seines Freundes Dietzel auf dem „Schwabenweg“ in die Schweiz zu Heinrich Elsner („Leuchtturm“-Herausgeber in Thurgau).

Auch in der Schweiz, aber in Zürich und Winterthur, wurde 1841 das „Literarische Comptoir“ gegründet und Julius Fröbel verlegte als erstes Werk Georg Herweghs  „Gedichte eines Lebendigen“. (5)

Das Buch wurde ein Bestseller.

Herwegh wurde ins Rampenlicht katapultiert, seine Gedichte trafen den Nerv der Zeit.

Seinem Gnadengesuch wurde stattgegeben (gegen ihn bestand immer noch ein Haftbefehl wegen Fahnenflucht).
Nun konnte er wieder in die deutschen Länder reisen.
Es wurde ein Triumphzug des Weltbürgers, des ehernen Sängers, von Mainz nach Köln (dort lernte er K. Marx kennen) bei Fackelzügen und Banketten, über Leipzig, wo sie unterm Balkon seine Gedichte rezitierten und ihn mit einem Lorbeerkranz schmückten. In Dresden lernte er Arnold Ruge kennen, der ihn wiederum mit Bakunin und Turgenjew bekannt machte. Dann reiste er nach Berlin.

Hier fieberte bereits Emma, die selbstbewusste Tochter des sehr vermögenden Seidenwaren- und Modehaus-Besitzers Siegmund, im gleichen Monat und Jahr wie Georg geboren, seiner von ihr arrangierten Ankunft entgegen.
Georg kannte Emma nicht, aber Emma hatte sich schon bei der Lektüre der „Gedichte eines Lebendigen“ in ihren Poeten verliebt.
Jetzt stand er vor ihr.
Acht Tage später verlobten sie sich.

Dann Herweghs Audienz beim preußischen König.
Stumm und ehrfurchtsvoll blieb er wohl, und „machte seinen Diener“ (Heine).
Erst im nach hinein rechtfertigte er sich mit seinem „Wort unter vier Augen“. Als dieses Schreiben (angeblich durch Indiskretion) veröffentlicht wurde, musste Herwegh Preußen innerhalb eines Tages verlassen, trennte sich von seiner Verlobten und reiste in die Schweiz, wo er sich die Bürgerrechte im Kanton Baselland kaufte.

Dort heirateten Georg und Emma am 8. März 1843.
Emma war eine schöne, temperamentvolle, intelligente Frau und eine gute Partie. (6).

Die Hochzeitsreise führte über Frankreich nach Italien. Mit dem Schiff dann nach Neapel, für sieben Wochen. Sie zogen nach Paris, ans Seineufer. Das Ehepaar Marx und Ruge wohnten um die Ecke.

Georg schrieb für den „Vorwärts!“, eine kritische Zeitung, die bald wegen „politischer Beiträge“ verboten wurde.

Er hatte ein Verhältnis mit Marie Comtesse d’Agoult. Über sie lernte er Liszt kennen, der einige seiner Gedichte vertonte, u.a. das „Rheinweinlied“(7).

Die Herweghs zog es, mit ihren Freunden Carl Vogt und Michail Bakunin ans Meer, nach St. Malo, nach Nizza.
Sie fieberten der Revolution entgegen.
Die ließ auf sich warten. So hatte man Zeit und Muße, Georg widmete sich der Meeresbiologie (8).

Dann kam sie doch, die Revolution.
Der französische König floh nach England.
Auf der anderen Rheinseite forderten Hecker und Struve die deutsche Republik.

In Paris sammelten sich die deutschen Handwerker in der Deutschen demokratischen Gesellschaft und Herwegh schrieb an Hecker, nannte 5.000 Mann, die „binnen acht Tagen an der Grenze stehen können.“ (9).

Nach einigem Exerzieren, vielen Hurra-Rufen und endlosen Reden, zog schließlich ein bunter Haufen von etwa 700 Mann nach Straßburg.

In Konstanz rief Hecker die Republik aus, zog gen Norden nach Engen.
Die unerschrockene Emma Herwegh suchte ihn dort auf und bot Hilfe an.

Am Ostermontag 1848 überquerten ein Poet, der kein Stratege war,
dessen Frau, die sich vor nichts fürchtete, außer dass ihrem Georg ein Leid geschehen könnte,
ein paar charakterstarke Kommandeure
und ungefähr 600 Mann, die 200 Gewehre hatten (der Rest nur Sensen),
den Rhein,
um im Vaterland „der Freiheit eine Gasse zu brechen“.

Es war eine Sackgasse.
Das Großherzogtum Baden hatte, zusammen mit Hessen, Bayern und Württemberg mehr als 30.000 Soldaten gegen die Aufständischen aufgeboten.
Hecker und Struve waren bereits geschlagen, die Herwegh’sche Schar konnte nur noch versuchen in die Schweiz zu entkommen.

Der Tross kam bis Dossenbach (also fast bis Rheinfelden). Eine württembergische Kompanie stellte und besiegte die Freischärler. Emma und Georg entkamen (10).

Monate später waren sie wieder in Paris.

 

 Zu Frankfurt an dem Main
Die Wäsche wird nicht rein;
Sie bürsten und sie bürsten,
die Fürsten bleiben Fürsten
Die Mohren bleiben Mohren
Trotz aller Professoren
Im Parla – Parla – Parlament
Das Reden nimmt kein End’!

In Wien machte Fürst zu Windisch-Graetz mit den Revolutionären kurzen Prozess. 2.000 Menschen starben. Der Abgeordnete Robert Blum wurde, trotz seiner Immunität als Abgeordneter, erschossen.

Georg zog sich zurück. Alle Politik sei Schund, nur die Naturwissenschaft sei wahr.

Wahr war auch Georgs Liaison mit Natalie Herzen (11). Aus dem Karneval der freien Liebe wurde eine Tragödie (12).

Zwischen Herwegh und Wagner entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Mit Liszt zusammen, schwärmten sie von großen gemeinsamen musikalischen Werken.

 

Einige Jahre später wurde Georg in die Führung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins berufen und nach Drängen Lassalles verfasste er sein berühmtes Bundeslied:

Menschenbienen, die Natur,
Gab sie euch den Honig nur?
Seht die Drohnen um euch her!
Habt ihr keinen Stachel mehr?

Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.

 

 Die finanzielle Situation der Herweghs verschlechterte sich.
Georg musste auch seine Bibliothek verkaufen und floh vor den Gläubigern aus Zürich.
Er ließ sich in Baden-Baden (Sophienstraße) nieder. Im Oktober 1866 kam Emma mit den zwei Kindern (Ada und Marcel) nach.
Die Familie zog nach Lichtental.
Georg übersetzte Shakespeare.

Was kein freier, deutscher Patriot sich vorgestellt hatte: nicht die Revolutionäre schufen mit dem Volk „von unten“ ein Deutschland, sondern Bismarck tat dies, mit „Blut und Eisen“, „von oben“ - wie er es angekündigt hatte.

Georg war entsetzt.


„Germania mir graut vor dir! Mir graut vor dir, ich glaube fast, daß du, in argen Wahn versunken, mit falscher Größe suchst zu punkten, und daß du, gottesgnadentrunken, das Menschenrecht vergessen hast“.

 

Wo waren alle seine Freunde? Tot, ausgewandert, auf der anderen Seite?
Er hatte nur noch wenige, z.B. Carl Dernfeld (Architekt der Kirche St. Bonifatius in Lichtental und des neuen Friedrichsbades).

Um Georg wurde es einsam.
Im Alter von 58 Jahren starb er im April des Jahres 1875 an einer Lungenentzündung.

Emma bestattete ihren geliebten Georg in der Schweiz, im Kanton Baselland in „freier republikanischer Erde“.

Sein Wunsch, nach dem erhofften Zusammenbruch „Germaniens“ auf seinem Grabstein die Zeilen „Getrost mein Vater, Preußen ist nicht mehr!“ hinzuzufügen, wurde nicht erfüllt.

 

Die Fragen sind erledigt,
Die Pfaffen machen bim bam bum;
Den Armen wird gepredigt
Das Evangelium.


(1) Georg erkrankte wahrscheinlich an der Autoimmunkrankheit Chorea, die wie   Parkinson, durch einen Zerfall der Basalganglien eingeleitet wird.

Demgegenüber war der Veitstanz ein mittelalterliches Massenphänomen in Europa.
„Die Menschen tanzten ......... mit vielerlei Verrenkung, ......bis sie zur Erde fielen.“
Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges werden die Berichte über die „Tanzwut“ spärlicher.

(2) 1780 entdeckte Luigi Galvani bei Induktionsversuchen mittels Lichtbogenentladungen den Einfluss elektrischer Ströme auf Muskelgewebe bei Fröschen. Verschiedene Metalle und natürliche Magnete galten alsbald als Stoffe mit großer, positiver Wirkung auf den menschlichen Organismus (Mesmerismus).

(3) Dazu musste Georg eine Prüfung in Latein, Griechisch und Hebräisch ablegen.  

(4) Die Umsetzung der Karlsbader Beschlüsse sorgte für ein Klima der Angst. Verbote und Verordnungen bestimmten auch das studentische Leben von Georg.
Im Stift gab eine strikte Kleiderordnung, der Alltag war minutiös vorgegeben.
Studentische Organisationen waren verboten. Einrichtungen, wie Turnvereine, aber auch Gartenvereine, waren verboten. Die inländische Presse wurde scharf zensiert, Publikationen aus dem Ausland unterbunden.

(5) Ein Gedichtband voller Klischees, aber auch Hoffnung mit martialischem, aber auch geflügeltem Vokabular, Zitate: „Reißt die Kreuze aus der Erden! Alle sollen Schwerter werden“, „Voran zum heiligen Krieg“, oder „Und durch Europa brechen wir der Freiheit eine Gasse“, aber auch „O wag’ es doch, nur Einen Tag, Nur Einen, frei zu sein“.
Heinrich Heine, der Georg Herwegh als „eiserne Lerche“ bezeichnete (in einem Gedicht, was er zu Lebzeiten nicht veröffentlichte), war gegen diesen „Wartburger Spuk“.

(6) Herwegh, der noch zwei Jahre zuvor um Schuhe betteln musste, erhielt jetzt als Vorschuss auf Emmas Mitgift 20.000 Francs pro Jahr. Ausserdem verdiente er durch die Einnahmen seines Bestsellers anfangs gut.
20.000 Francs entsprachen damals (1850) ungefähr 6.000 Taler.
Der Wochenlohn eines Webers betrug 3 Taler und 3 Silbergroschen.

 

(7) Rheinweinlied:

Wo solch ein Feuer noch gedeiht,
Und solch ein Wein noch Flammen speit,
Da lassen wir in Ewigkeit
Uns nimmermehr vertreiben.
Stoßt an! Stoßt an! Der Rhein,
Und wär’s nur um den Wein,
Der Rhein soll deutsch verbleiben.

Der ist sein Rebenblut nicht wert,
das deutsche Weib, den deutschen Herd,
Der nicht auch freudig schwingt sein Schwert,
Die Feinde aufzureiben.
Frisch in die Schlacht hinein!
Hinein für unsern Rhein!
Der Rhein soll deutsch verbleiben.

 

(8) Im 19. Jahrhundert entwickelten sich die Naturwissenschaften (und die Industrialisierung) in einem atemberaubenden Tempo. Physik, Chemie und Biologie wurden eigenständige Wissenschaften. Es war chic, biologische Studien und Versuche durchzuführen, man suchte das „Lebensprinzip“ zu ergründen.

(9) In Paris lebten um diese Zeit ca. 50.000 deutsche Handwerker. Im Frühjahr 1848 wurden viele arbeitslos. Vor allem Bornstedt organisierte die Legion, sammelte Geld und Waffen. Herwegh wurde zum Präsidenten der Liga ausgerufen.

(10) Die Umstände der Flucht, Georg soll sich im Spritzleder (das ist ein Lederschutz an der Seite von Kutschen und Wagen) versteckt haben, führte zu Spottgedichten, „....Heiß fiel es dem Herwegh bei, Daß der Hinweg besser sei...“.

(11) Natalie Herzen, war die zarte, feine, intelligente Ehefrau von Alexander Herzen, einem adligen Schriftsteller, Publizist und Spross einer reichen russischen Familie. Alexanders Eltern heirateten nicht, er war ein Herzenskind und hieß deshalb Herzen.

(12) Nach einigem Hin und Her zogen die beiden Paare nach Nizza in ein von Herzen angemietetes Haus.
Die Herweghs waren nahezu pleite. Emma nahm bei Alexander Herzen einen Kredit über 10.000 Francs auf.
Die Tragödie begann.
Große Emotionen, angedrohte Abreisen, Georg flehte Alexander Herzen (über Emma) an, ihm das Leben zu nehmen, Natalie forderte dies von von Georg und Emma bot Alexander an, bei ihm zu bleiben, wenn er Natalie freigäbe.
Emma trennte sich von Georg, er zog nach Zürich und schrieb weiter seine Liebes-und Rechtfertigungsbriefe an Natalie. Alexander und Natalie versöhnten sich.
Er schrieb, beleidigend an Alexander. Den Antwortbrief von Natalie schickte er zurück, vertuschte dabei ungeschickt, dass er ihn gelesen hatte.
Natalie starb nach einer Totgeburt.
Zwei alte Freunde Alexanders (Haugh und Tessié) suchten Herwegh in dessen Hotel auf. Herwegh leugnete, wurde von Haug geohrfeigt und zum Duell aufgefordert. Herwegh kniff.
Georg und Emma versöhnten sich und zogen wieder zusammen.

 

Literatur:
Ulrich Enzensberger, Herwegh Ein Heldenleben, Eichborn Verlag, Frankfurt am Main, 1999
Ein wunderbares Buch, aus dem die meisten Zitate dieses Beitrags stammen.

Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz, Herausgeber G.Herwegh, BiblioLife

 

Bildnachweis:
Georg Herwegh, gezeichnet von Emma Siegmund 1842, Herwegh Archiv, Dichtermuseum Liestal

Museen:
Dichtermuseum Liestal, Baselland



Revolutionslied ça ira

 

 

 

 

 

   Emma Herwegh

Biografie von Emma Herwegh

 

Willi Andreas Weishaupt 2015
© Baden-GEO-Touren

 

 

Ludwig Wilhelm von Baden

 

Türkenlouis 240Geb. 8. April 1655 in Paris, † 4. Januar 1707 in Rastatt

war Markgraf von Baden-Baden, Bauherr des Rastatter Schlosses, ein erfolgreicher Feldherr und genialer Stratege, ein glückloser Politiker.

 Ludwig Wilhelm war der einzige Nachkomme einer unglücklichen Ehe zwischen Ferdinand Maximilian von Baden-Baden (1625-1669) und der französischen Prinzessin Luise Christine von Savoyen-Carignan (1627-1689), die am Hofe des Sonnenkönigs lebten. Ludwig XIV. war Ludwig Wilhelms Taufpate.

Da Luise sich weigerte Versailles zu verlassen, zogen Vater und der 6 Monate alte Ludwig allein nach Baden-Baden.
Als der Vater nach einem Jagdunfall unerwartet stirbt, ist Ludwig 14 Jahre alt.

Mit 15 unternimmt er seine Kavaliersreise, die ihn von Frankreich nach Italien, Mailand, Florenz und Rom führt. Er besucht Vorlesungen, trifft Papst Klemens X., besucht die Medici’s , kehrt als 19-jähriger zurück nach Baden-Baden und tritt in die kaiserliche Armee ein.

Schnell macht er Karriere und wird dabei von seinem Onkel Hermann unterstützt, Hofkriegsratpräsident des Heiligen Römischen Reiches und von Raimondo Montecuccoli, einem bedeutenden Militärstrategen des 17. Jahrhunderts. Nach der Einnahme der Festung Philippsburg verleiht ihm der Kaiser ein Infanterieregiment.

Mit 22 Jahren wird er Markgraf von Baden-Baden.

Aber er ist selten zu Hause.

Als die Franzosen 1689 seine Markgrafschaft verwüsteten und neben Baden-Baden mit seinem Ahnenschloss auch Städte wie Ettlingen, Rastatt, Bühl und Oberkirch (u.v.a.) in Rauch aufgehen, feiert er eine siegreiche Schlacht gegen die Türken.

Ein Jahr später heiratet Ludwig Wilhelm die Prinzessin Franziska Sibylla Augusta von Sachsen-Lauenburg.

Nach dem Frieden von Nimwegen wird er Major und erlebt im großen Türkenkrieg in der Schlacht von Slankamen (bei Belgrad) 1691 seinen größten militärischen Sieg. Fortan wird er als „Erretter der Christenheit“ in ganz Europa gefeiert und erhält seinen Beinamen „Türkenlouis“.

1693 übernimmt er das Kommando im Pfälzischen Erbfolgekrieg am Oberrhein, doch ohne die militärische Unterstützung des Kaisers ist sein Ziel “Frankreich in Frankreich zu bekämpfen“ nicht realisierbar.

„Ohne Armee, ohne Geld, ohne Proviant, ohne alle übrigen Requisiten habe ich nicht Ursache, große Hoffnungen zu hegen“, schrieb er nach Wien.

Als sich Ludwig Wilhelm beim Kaiser in seiner üblichen offenen Art über die mangelnde Unterstützung Wiens, noch immer hat er kein Reichsheer, beschwert, unterstellt der Kaiser dem Mann, der ihm Thron und Reich rettete, geheime Konspiration mit dem Feind.

Leopold beauftragte darüber hinaus den Prinzen Eugen mit der Überwachung Ludwig Wilhelms. Als sein Vetter Ludwig Wilhelm „von allen Verleumdungen freispricht“, war dieser zwar offiziell rehabilitiert, aber schuf sich, da er weiterhin an den „Mönchen“, wie er die Geistlichen des Wiener Hofes nannte, Kritik übte, weitere Feinde.

Schon 1695 hat er die Befestigungen von Sinsheim und Eppingen wiederherstellen lassen und formt mit den „Eppinger Linien“ den ersten „Westwall“.
Weitere Befestigungen reichten von Kehl bis Phillipsburg, wobei besonders die Linie Bühl-Stollhofen in die Geschichte einging. Durch ein Schleusensystem konnte das flache Land unter Wasser gesetzt werden.

1703 sollten sich diese Vorkehrungen bewähren. Die französischen Marschälle Villars und Tallard wollten „Le prince de Bade“ überrumpeln, scheiterten jedoch an den Befestigungen und dem uneinnehmbaren Stollhofen.

Vereint mit den holländisch-englischen Truppen unter Marlborough, schlugen Prinz Eugen und Ludwig Wilhelm die französisch-bayrischen Armeen letztendlich bei Donauwörth. Ludwig Wilhelm erlitt auf den Höhen des Schellenberges eine Verletzung, von der er sich nicht mehr erholen sollte.

Trotz Aufforderung des neuen Kaisers Joseph I. den Rhein zu überschreiten und das Elsass zu befreien, beschränkte sich Ludwig Wilhelm auf die Verteidigung, ließ an seinem Schloss in Rastatt weiterbauen und  sah dem Treiben der triumphierenden Helden Marlborough und Prinz Eugen mit wachsender Verbitterung zu.

Noch einmal sollte ihn der Wiener Hof brüskieren. Als die polnischen Stände Ludwig Wilhelm ihre Königskrone anboten, intervenierten die Habsburger.

Ludwig Wilhelm litt. Unter seinem schlechten Gesundheitszustand, seiner Kriegsverletzung und unter dem Undank des Wiener Hofes.

Er hatte nicht mehr viel Zeit, schrieb an Joseph I., sorgte sich um seine Gemahlin und seine Kinder.

Joseph I. wusste inzwischen vom wahren Gesundheitszustand des Markgrafen und antwortete ungewohnt herzlich.

An einem kalten Wintermorgen, am 4. Januar 1707 stirbt der krebskranke Ludwig Wilhelm im Alter von 51 Jahren in seinem Schloss in Rastatt.

Sein Heimatland hat seinen Tod wenig betrauert. Obwohl er es schützte wie kein anderer Markgraf.

Ludwig Wilhelm hat 23 Schlachten geschlagen, 25 Belagerungen geleitet und niemals eine Niederlage erlitten.

Aber er war auch Befehlsempfänger Habsburgs. Er hatte Krieg zu führen.

Sein Drama war, dass er diese Kriege in seinem eigenen Land ausfechten musste.

Das Haus Habsburg hat ihm seine Dienste schlecht gedankt.

Willi Andreas Weishaupt 2014


Literatur:

Baden-Württemberg 1/83, G.Braun

Katalog zur Sonderausstellung 300 Jahre, Der Friede von Rastatt, „....das aller Krieg eine Thorheit sey.“, Stadt Rastatt

Thomas Anshelmus Badensis


TABgeb. um 1470 in Baden-Baden, † um 1523 in Haguenau

war einer der bedeutendsten Buchdrucker im humanistischen Deutschland.

 

Über die Person Thomas Anshelm von Baden-Baden weiß man wenig, aber seine meisterlichen Druckkunstwerke sind uns erhalten geblieben.

1488 erscheint sein erstes Buch, ein Plenarium auf eigener Druckerpresse in Straßburg.

1500 druckt er in Pforzheim und lernt dort den großen Sohn der Stadt, den Philosophen und Humanisten Johannes Reuchlin kennen. Reuchlin war zu dieser Zeit auch Bundesrichter der Fürsten im Schwäbischen Bund, TAB ein begnadeter Drucker. Die meisten Schriften Reuchlins hat er verlegt.

Zehn Jahre später zieht er dann auch in die Universitätsstadt Tübingen. Dort lernt er Philipp Melanchthon kennen.

Ab November 1516 arbeitet er in Haguenau, damals eine Stadt mit über dreißig Druckereien.

Im 16. Jahrhundert werden bereits über 200 Millionen Bücher in Europa gedruckt.

Und viele davon trägt der Rhein flussabwärts.

Zusammen mit Melanchthon verteidigte er dort seine „jüdischen Bücher“, die Fanatiker wie Johannes Pfefferkorn lieber auf dem Scheiterhaufen sahen.

Mit Heinrich Gran, dem Herausgeber der Dunkelmännerbriefe, arbeitet er zusammen.

TAB war ein Meister der Buchstaben.

Erasmus lobt die Schönheit seiner lateinischen, griechischen und die ersten in Deutschland gedruckten hebräischen Schriftzeichen und Setzungen.

Nach seinem Tod im Jahr 1523 führte sein Schwiegersohn Johann Setzer die Druckerei in Haguenau fort.

Willi Andreas Weishaupt 2014

 

Bernhard II. von Baden

 geb. 1428 in Baden-Baden, † 15. Juli 1458 in Moncalieri

 

Die Eltern waren Markgraf Jakob I. von Baden und Katharina von Lothringen.
Jakob I. verwirklichte die Gründung des Kollegiat-Stifts, betrieb den gotischen Neubau der Stiftskirche und gründete 1426 das Franziskanerkloster Fremersberg.

Bernhard wurde im Schloss Hohenbaden geboren und wuchs am Hof des Königs René I. d’Anjou in Angers auf. Sein Bruder Karl war mit Katharina von Österreich verheiratet, so hatte Bernhard Zugang zum Wiener Hof und wurde in jungen Jahren persönlicher Gesandter von Friedrich III.

In seinem Auftrag sollte er auch, nachdem Konstantinopel 1453 von den Türken erobert wurde, in den befreundeten Fürstenhäusern für einen neuen Kreuzzug gegen das osmanische Reich werben. 1458 stirbt er in Moncalieri an der Pest.

Bernhard II. war tiefreligiös und teilte sein Vermögen mit Anderen (Ein Drittel bekamen die Armen, ein Drittel kirchliche Stiftungen und ein Drittel behielt er für sich).

Als an seinem Grab in der Marienkirche in Moncalieri sich angebliche Wunderheilungen häuften, wurde er 1769 selig gesprochen.

Der damalige Markgraf ließ in Rastatt einen Brunnen zum Andenken an die Seligsprechung seines berühmten Vorfahren errichten.

Willi Andreas Weishaupt 2014

Carl Julius Späth

geb. 12. April 1838 in Steinmauern, † 2. April 1919 in Steinmauern

war Weber und Uhrmacher, verschroben, genial, Erbauer einer einzigartigen astronomischen Uhr.

Carl war das erste Kind eines Flachs- und Hanfwebers.
Die Eltern kamen aus Ottenau, da wo die wilde Murg endet und fanden in Steinmauern (1) ihr neues Zuhause.

Als er sechs Jahre alt wurde, half er zum ersten Mal seinem Vater am Webstuhl. Von nun an war Weben seine tägliche Arbeit.
Außer am Sonntag. Da gingen (fast) alle in die neugebaute Kirche und danach trafen sich die Männer im „Schiff“ oder in den Flößer-Wirtschaften „Anker“ und „Sonne“.

Carl ging zur Schule, arbeitete am Webstuhl, suchte Gold im Rhein, verliebte sich, schnitt Gras für die eigenen Kaninchen und für die Ziege auf den besitzlosen Inseln des Rheins, fing Fische und Krebse und sammelte Weinbergschnecken für die Franzosen. (2)

Im Revolutionsjahr 1848 flogen Kanonenkugeln über das Dorf.
Er bestand seine Gesellenprüfung und lernte von seinem Vater nicht nur das Weben, sondern auch vieles über das Uhrmacherhandwerk.
Carls Vater hatte bereits einen „Zahnstuhl“, eine Drehbank, mit der er Zahnräder herstellen konnte.

Mit 21 Jahren wird Carl zum Militär einberufen. Er absolviert die Grundausbildung und dient als Bursche bei einem Major in Mannheim.
Nach dem Militärdienst, zurück in Steinmauern, verlässt er das Elternhaus, geht nach Plittersdorf, kehrt nach Steinmauern zurück, übernimmt nach dem Tod des Vaters dessen Werkstatt und heiratet seine Theresa.

Die Weber bekamen immer weniger Aufträge. Die Webmaschinen in den Fabriken machten ihnen Konkurrenz.

Carl baute seine erste Uhr. Eine Pendeluhr - von den Zahnrädern bis zur Mechanik des geschnitzten „Mittagshahns“, vom gemalten Uhrenschild bis zu den Zeigern – sein Werk.
Er reparierte Uhren, aber davon konnte die vierköpfige Familie nicht leben.

Er plante eine Uhr mit Uhr-, Schlag- und Spielwerk. In einem Jahr sollte sie fertig sein.
Was seine Dorfnachbarn nicht erwarteten - und viele ihm auch nicht wünschten - geschah. Carl baute und verkaufte diese Uhr.

Seine nächste Uhr sollte noch komplexer werden. Tagsüber schloss er sich in seine Werkstatt ein, nachts ging er zur Murg.

Deutschland wurde Kaiserreich. Carl vermaß den Planetenlauf und die Positionen der Fixsterne.

Keines seiner Kinder durfte in die Werkstatt, keinem brachte er ein Handwerk bei.  Sein ältester Sohn ging in die Schweiz. Theresa hatte inzwischen sieben Kinder geboren.

Carl verkauft seine neueste Uhr an den Berliner Hof, der Kaiser hat Carls Pläne für seine große astronomische Uhr, die der bauen will, in den höchsten Tönen gelobt und lässt ihm dafür 300 Mark zukommen.
Die finanzielle Situation der Familie verbessert sich, Familie Späth kauft Grundstücke für ihre Kinder.

Eine große astronomische Uhr, wie die in Straßburg will er bauen. (3)

Er schuf sich Feinde bei seinen seltenen Wirtshausbesuchen. Dort prahlte er, dass der Kaiser seine Uhren verstünde, aber nicht die Dörfler aus Steinmaurern.
Er bedrohte den Jungendfreund seiner Frau. Im Wirtshaus schrie er ihn an und drohte, ihn zu erschießen, falls er noch einmal einen Fuß über seine Schwelle setzen sollte.
Carl wurde krankhaft eifersüchtig und Theresa und ihre Kinder hatten darunter zu leiden.
Er begann Briefe zu schreiben. Briefe, die ihm schaden sollten.

Ein seriöses Angebot zukünftig in Mainz seine Uhren zu bauen lehnt er ab.
Er will in seinem Dorf bleiben.

Aber seine Frau Theresa verklagt er, „wegen Prostitution“, nach zwanzig Ehejahren.
Theresa wehrt sich, auch mit falschen Behauptungen und erreicht, dass ihr Mann entmündigt wird.
Carl wird aufgrund Theresas Aussagen verhaftet, landet im Heidelberger Gefängnis und wird erst mal mit einer doppelten Bromidlösung ruhiggestellt.
Er wird „....als Querulant. Streitsüchtig, aber nicht gefährlich“ eingestuft (4) und nach Illenau verlegt. (5)

An seine Theresa schreibt er, wie gut es ihm hier gehe. Theresa schildert ihm die Lage der Familie. Sie müssten alle betteln und auch noch die Kosten seiner Haft bezahlen.

Carl kommt nach Hause.

Von vielen Menschen seines Heimatdorfes wurde er nicht mit offenen Armen empfangen. Einige hatten sogar gegen seine Entlassung interveniert.
Carls Familie hatte viele Schulden, auch beim Metzger.
Der Pfarrer ließ ihn nicht in die Kirche.

Das Unglück seiner Feinde war sein Glück.

Das Haus des Metzgers wurde versteigert und der Pfarrer zwangsversetzt.

Im Mai 1898 vollendete Carl seine große astronomische Uhr. (6)

 

 

 

Die vielen Besucher, die diesen Tempel der Zeit sehen wollten und nach Steinmauern kamen, machten Meister Späth bekannt und wohlhabend.

Theresa und ihr Jugendfreund erlebten diese Zeit nicht mehr.
Carl selbst wurde 80 Jahre alt.

Seine Uhr, die sich heute im Stadtmuseum in Rastatt befindet ist schon vor langer Zeit stehengeblieben.
Es fehlt ein genialer Uhrmacher.

Willi Andreas Weishaupt 2015
© Baden-GEO-Touren

1)    In Steinmauern (= schützende Mauern gegen das Hochwasser) mündete die Murg in den Rhein. Das Flößerdorf war ein Waren-Umschlagplatz. Hier wurde das begehrte Holz des Schwarzwalds zu Flößen zusammengestellt und rheinabwärts nach Rotterdam transportiert.
Und auf den Flößen fuhren die Schwarzwälder mit ihren Träumen den Rhein hinunter. Nach Amerika.

(2)        Wilderei war verboten, die Wilderer wurden erschossen, oft grausam hingerichtet.
    Fischerei war streng reglementiert.
Es gab „Herrenfische“ (Lachs, Stör, Karpfen und Wels), die das „niedere Volk“ nicht essen durfte. Vom Fang der erlaubten Fische konnte die jeweilige Herrschaft  noch ein Drittel  bis zur Hälfte für sich einfordern.

(3)    Die astronomische Uhr im Straßburger Münster wird Carl gründlichst studieren. 1842 hatte sie Schwilgué wieder in Stand gesetzt und erweitert. Sie stellt u.a. Erd- und Mondbahn, die Bahnen der Planeten bis zum Saturn und die Präzession der Erde dar.

    Carls große astronomische Uhr sollte noch mehr Funktionen beinhalten. Den Sternenhimmel über Steinmauern wollte er an den Beobachtern vorbeiziehen lassen. Kalenderräder sollten die beweglichen Feiertage der nächsten 4.000 Jahre anzeigen. Wie bei vielen Uhren dieser Zeit traten bewegte Figuren wie der „Mittagshahn“, der „Posaunenengel“ oder der Tod, auf.

(4)    Querulanten waren im 19.Jahrhundert per Gesetz geisteskrank.
Der Direktor der „Staatsirrenanstalt Zwiefalten“ schrieb in seinem 1889 erschienen „Leitfaden der Psychiatrie“:
    „...wer an Querulantenwahnsinn leidet, der prozessiert unter allen Umständen, wenn er irgend kann, er verfolgt sein verbrieftes Recht......mit Fanatismus... und zwar scheinbar, namentlich im Anfang, oft gar nicht in unvernünftiger Weise...Der Irre nimmt sich in fanatischer Weise des Rechts an....und er leidet an einem trotzigen Mangel für das wahrhaftige Gefühl des Unrechts, welches der Querulant anderen gegenüber begeht......
    Jeder richtige Querulant ist hochgradig lästig, fast jeder mehr oder weniger gefährlich. Die Unterbringung solcher Kranker in einer Anstalt ist deshalb in den meisten Fällen nicht zu umgehen.“

(5)    Die „Illenau“ (bei Achern) war eine seit 1842 existierende Heil- und Pflegeanstalt.

 

 

 

C.F.W. Roller („Die Irrenanstalt in all ihren Beziehungen“, 1831) war ihr Wegbereiter und erster Leiter. Das Projekt war getragen von den Ideen des 19. Jahrhunderts.
Konzipiert wie ein Barockschloss thronte in der Mitte das Haupt- und Verwaltungsgebäude, im rechten Flügel waren die Männer im linken die Frauen untergebracht.

Der damalige Leiter, Prof. Heinrich Schüle, förderte Carl.
Der reparierte die Uhren der Anstalt, bekam ab und zu Freigang (um Dokumente zu holen, oder nach Straßburg zu fahren) und konnte an seinen Plänen für seine große Uhr weiterarbeiten.

Diese Oase bestand fast 100 Jahre lang.
Im Winter 1940 wurden alle PatientInnen nach Schloss Grafeneck transportiert und dort ermordet (T4).

(6)    Eine zentrale Bandfeder und fünf Federhäuser trieben Carls mechanisches Universum an. Das zentrale Kalenderrad mit der Darstellung aller Zeiten dieser Welt, das Sonnenrad (1Umdrehung/24h), das Sternenrad mit den Tierkreiszeichen (1Umdrehung/Jahr), sein geniales Osterwerk, das u.a. die beweglichen Feiertage berechnete und die große Glaskugel, die den Nachthimmel mit den Wandel- und Fixsternen im Laufe des Jahres in nie gekannter Ausführung zeigte, koppelte er mit seinen animierten Figuren.

    Ein brüllender Löwe, ein fauchender Stier, ein flügelschlagender Adler und ein trompetender Engel symbolisierten die Apostel.
    Jeder Stundenzyklus begann mit dem Säugling und endete mit dem Greis.
    Jede Stunde krähte der Hahn. Bei jedem Viertelschlag kam der Tod.

Ohne die finanzielle Unterstützung seines Gönners Schwab, eines Uhrmachers aus Baden und ohne A. Gehrig aus Karlsruhe, der das komplexe Gehäuse herstellte, hätte Carl sein Projekt nicht realisieren können.

 

(7)    Beschreibung der astronomischen Uhr

„Ich lasse die Uhr selbst sprechen“.

 Stund’ Minute und Sekunde,
Gibt mein Zeigerlauf dir kund,
Stundenschluss und Teilung kündet,
Treulich dir mein eh’rner Mund.

Aus den Tagen werden Wochen,
Wachsen Monde, Jahre an,
Dass ihr Lauf dir lehrreich werde,
zeig ich stets dies alles an.

Alle Teile meines Werkes,
Sind gebaut zu grösster Zier,
Was des Meisters Hand vermochte,
Opfert’ Fleiss und Liebe mir!

Im lebendigen Bilde zeige,
Ich dir auch der Sterne Bahn,
Stell sie bei den Sternenbildern,
Nur an richt’ger Stelle an.

Dich an Gottes allmacht mahnend,
Zeig ich dir der Sterne Lauf,
Führ’ des Mondes gol’ne Scheibe,
Wechselnd, kreisend, ab und auf.

Ihn sogar zur Sichel formend,
Immer wechselnd gross und klein,
Sonn- und Mondes- Finsternisse,
Alles stell ich richtig ein.

Lass die Bilder der Planeten,
Kreisend ihre Bahnen geh’n,
Magst am Kleinen hier du lernen,
Deines Gottes Allmacht seh’n.

Den Kalender mit den Festen,
Stellt mein Werk für jedes Jahr,
Osterfest und alles andere,
Selbst für hunderte von Jahr!

Gold’ne Zahl und die Epakten,
Geb für jedes Jahr ich an,
Sonntagsbuchstab, Sonnenzirkel,
Römerzinszahl zeigt mein Plan.

Alles dieses rech’n ich selber,
Dir zulieb im Werke aus,
Wie des Meisters Hand mich lehrte,
Jeden Fehler schliess ich aus.

Ob gewöhnlich’s oder Schaltjahr,
zeig ich gleichfalls immer an,
Jahreszeit und Tierkreisstellung
Künde ich in Bilder an.

Jahreszahl und Jahrsregente,
Fehlen meiner Kunde nie,
Und in Bildern zeig’ noch vieles
Ich dir gerne spät und früh.

Einen Engel mit Posaune,
siehst du ganz rechts oben stehn,
Kannst ihn auch beim Stundenschlag
Die Posaune blasen sehn.

Auch ein Kapuziner läutet
Dreimal „Ave“ jeden Tag,
Und mittags vor 12 Uhr „warnend“
Kräht mein Hahn mit Flügelschlag.

Dreimal lässt den Ruf er hören,
Tönt sein schrilles „Kikeriki“,
Dann wieder beim Erscheinen Petri
„Zweimal“-er vergisst es nie!

In der mittleren Säulennische,
stell das Bild des „Herrn“ ich ein,
Auf des Himmels Wolken kommend,
Wird der „Herr“ einst Richter sein.

Wird der Wunden Male zeigen,
Hält entrollt des Lebens Buch,
Das zum ew’gen Heil dem Guten,
Und dem Bösen wird zum Fluch!

Mag auch dir dann wahres „Alpha“
Und „Omega“ er nur sein,
Dass auch du dich seiner Gnade
Der Erlösung magst erfreun!

Mittags kannst du nach dem Schlage,
Der Apostel Bilder seh’n,
Ehrfurchtsvoll das Haupt verneigend
Am Bild des „Herrn“ vorübergehn.

Oben, unter Daches Mitte,
Zeigt ein Bild die Jahreszeit,
Der Evangelisten Bilder
Stell dir ein Relief bereit.

Sankt Matthäus wird im Bilde,
Stets ein Engel beigesellt,
Und ein Löwe ist mit Flügeln,
Zu Sankt Markus Bild gestellt.

Die Menschwerdung Christi lesen,
Wir in Sankt Matthäi Schrift,
dass den „Herrn“ als reinsten Menschen,
Keines Makels Vorwurf trifft.
Als Symbol des Königtumes,
Gilt der Löwe nah und fern,
Und als ewigen König schildert
Uns Sankt Markus „Gott den Herrn“.

Einen Stier mit Flügeln hat man,
bei Sankt Lukas aufgestellt,
Und zu Sankt Johannes Bild ist,
Eines Adlers Bild gesellt.

Als ein Sinnbild grössten Opfers,
Galt der Stier im alten Bund,
Grössten Opfers ewigen Priester,
nennt den Herrn Sankt Lukas Mund.

Schärfsten Blick bei höchstem Fluge,
Gab der Schöpfer nur dem Aar,
Darum gibt man Sankt Johannen,
Ihn als Symbol immerdar.

Wie des Adlers scharfes Auge,
Bei der Schwingen höchstem Flug,
Zeigen auch Johanni Schriften,
Dass der Geist ihn höher trug.

Reinsten Menschen, Opfer, König,
Nennen Andre ihren „Herrn“,
Sankt Johannes nennt in Ehrfurcht,
„Gott“ ihn, aller Geister Herrn.

Zeigt mein Bild im Frühling oben
Tönt mittags des Kuckucks Ruf,
Sommers preist der Schlag der Wachtel,
Ihn, der einst das All erschuf.

Zeigt mein Bild den Herbst im Plane,
Flügelschwingend brüllt der Stier,
Zähnefletschend brüllt der Löwe,
Zeigt das Bild den Winter dir.

Ein Engel kommt zur Viertelstunde,
Mit dem Palmenzweige,
Beim Viertelschlag der Sensenmann,
Um schnell die Zeit zu zeigen.

Mit dem Helm das Haupt bedecket,
Einer Waage, Schwert und Schild,
Mit dem Schwert die Viertel schlagend
Zeig’ ich dir ein Engelbild.

Jedesmal zur Viertelglocke
Kommt ein Menschenalterbild,
Eine Sanduhr stellt ein Engel,
Wenn der Stunde Lauf erfüllt.
Sinn und Deutung all’ der Bilder
Zeigt die heilige Schrift dir an.
Nur lebendiger Gottesglaube
Steht dem wahren Christen an.

Weitere Deutung meiner Bilder
Überlass ich jedem gern!
Mag mein Anblick dich erfreuen
Und erbauen nah und fern.

    C.J. Späth, 1888


Bildnachweis:

Wikimedia Commons:
- Karl Julius Späth, Rastatter Heimatmuseum, Fotografie: Martin Dürrschnabel
- Astronomische Uhr, Stadtmuseum Rastatt
- Illenau Gesamtansicht Nach einer Lithografie von J. Vollweider und C. Kiefer      Lithografische Anstalt L. Geissendörfer Carlsruhe - Reproduktion von Florian Hofmeister.


    Literatur:

    Gottfried Zurbrügg, Eine Uhr für die Ewigkeit, Casimir Katz Verlag, 2006
    Ein wunderbares Buch über Meister Späth

Dr. J.L.A. Koch, Kurzgefaßter Leitfaden der Psychiatrie , Ravensburg, Verlag der Dorn’schen Buchhandlung, 1889.

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