Fahrt durch das Murgtal

 Murgschlucht 1024Der Regen hat aufgehört und der frische, kräftige Wind bläst die letzten dunklen Wolken gen Osten fort.

Wir sind im Nordschwarzwald, auf dem Schliffkopf und genießen die jetzt kristallklare Sicht in das weite Umland. Unter uns liegt das Renchtal, wir sehen Straßburg und die Vogesen, gegen Südosten die Kniebishöhen und in der Ferne die Schwäbische Alb.

Der Schliffkopf ist eine west-östliche Wasserscheide. In dieser Gegend wird der Boden von den beiden Hauptgesteinsarten des Schwarzwaldes, dem übergelagerten Buntsandstein und dem tiefer liegenden Granit, bestimmt. Die Quellflüsse von Rench und Murg graben sich durch den weichen Buntsandstein, ja schleifen ihn ab und dieser Vorgang gab auch dem Schliffkopf seinen Namen.

Heute wollen wir dem Lauf der Murg durch das gleichnamige Tal, einem der größten Täler des Schwarzwalds, folgen und auf ihrem Weg nach Norden, bis zur  Mündung in den Rhein hinter Rastatt, die alten Städte und Flecken links und rechts des Flusses kennenlernen.

Deren Hauptquellbach, die Rechtmurg, auch Weiße Murg genannt,  nimmt unterhalb des Schliffkopfs seinen Anfang und vereinigt sich mit dem am Ruhestein entspringenden zweiten Quellbach der Rotmurg in Obertal bei Baiersbronn,  zur Murg.

Murg leitet sich ab vom keltischen Murgo („schwarzes Wasser“).

Baiersbronn liegt in einer Mulde, die von fünf Talzugängen gebildet wird. Wie so viele Städte und Dörfer am Lauf der Murg wurde auch Baiersbronn schon im 13. Jahrhundert urkundlich erwähnt.

 

Über die Baiersbronner wird folgendes berichtet:

„Der Menschenschlag ist im Allgemeinen nicht sehr kräftig, eher unter, als über mittlerer Statur, eher dürftig, als gut genährt und mehr von blasser und kränklicher, als frischer und gesunder Gesichtsfarbe. Dieß gilt besonders von Baiersbronn, dessen Bevölkerung durch übermäßige Arbeiten und Entbehrungen aller Art sichtlich herabgekommen und verkümmert ist [...]. Ungeachtet dieses schwächlichen Aussehens sind aber diese Leute, namentlich die Baiersbronner, gegen atmosphärische Einflüsse und körperliche Strapazen sehr abgehärtet und zeigen eine ungewöhnliche Lebenszähigkeit und Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten und körperliche Verletzungen.“ [1]

 

Floß die Murg bisher in süd-östlicher Richtung in einem breiten Tal, dem Obertal, durch das Buntsandsteingebirge, so ändert sie nun ihren Lauf und biegt bei Baiersbronn nach Norden ab.

 

Skulptur in der Murgschlucht A

Beim ihrem Eintritt in die tiefer gelegene Granitschicht ändert sich auch das Landschaftsbild.

Das Flussbett ist nun tief eingeschnitten, die Wälder reichen bis dicht an das Ufer heran, und das Gefälle nimmt stark zu.

In einem heutigen Ortsteil der Gemeinde Baiersbronn liegt das 1085 gegründete Benediktinerkloster Reichenbach, ein Priorat des Klosters Hirsau. Die Gerichtsbarkeit blieb bei den Grafen von Eberstein. Heute hat dort die evangelische Kirchengemeinde ihre Heimat gefunden.

Wir erreichen Schönmünzach. Hier mündet die wasserreiche Schönmünz, gespeist vom Wildsee, einem ehemaligen Schwallwasserbecken (s. Flößerei)  in die Murg, und an diesem Bach überqueren wir auch die ehemalige Landesgrenze von Württemberg und Baden. Schon im 5. Jahrhundert war hier die Stammesgrenze zwischen Alemannen (Schwaben) und Franken und hier lag und liegt eine noch heute bestehende Mundartgrenze, doch davon später mehr.

Die Murg ist nun ein Wildwasser.

Doch die einstige Kraft hat sie verloren, seit Anfang des 20. Jahrhunderts errichtete, gewaltige Speicherbecken das Wasser der Murg und ihrer Nebenflüsse sammeln und im Murgkraftwerk bei Forbach die potenzielle Energie des Wassers zur Stromerzeugung genutzt wird. 1914 bis 1926 entstand der „Rudolf- Fettweis-Kraftwerkskomplex“ als Pumpspeicherkraftwerk, bestehend aus Murgwerk, Niederdruckwerk, Raumünzachwerk und Schwarzenbachwerk mit Schwarzenbachtalsperre.

   

Rudolf-Fettweis-Werk A

 Westlich der Murg liegt Bermersbach, bekannt durch die „Giersteine“, ein Granitstein-Ensemble hoch über der Murg, über dessen Bedeutung sich trefflich streiten lässt, und östlich der Murg befindet sich Langenbrand, dessen Namensendung „Brand“ auf früher übliche Brandrodungen zur Siedlungsgewinnung hinweist.

Bald sind wir in Au, eine im frühen 14. Jahrhundert im Lehnsbuch des Bistums Speyer erwähnte und heute zu Rastatt gehörende Gemeinde. Bekannt ist die St. Wendelinus-Kapelle, die sich auf einem Felsvorsprung hoch über der Murg befindet und bereits im frühen 15.Jahrhundert urkundliche Erwähnung fand. Später war, wie so oft, auch hier die Murg ein Grenzfluss; links war man protestantisch, rechts katholisch.

Der Fluss spiegelt das Bild Weisenbachs. Fast nichts erinnert mehr an die große „Boomzeit“, als sich hier eines der größten Papierherstellungszentren Europas befand. Die Holtzmann AG hatte im 19. Jahrhundert in Weisenbach ihren Hauptsitz und im Murgtal drei große Werke.  Vieles wurden von Investmentgruppen übernommen und abgewickelt.


Aber viele Firmen, z.B. Glatfelter Gernsbach GmbH & Co. KG oder die Firma Katz produzieren noch an ihren alten Standorten.

 Murgtal-Panorama A

 Sechs Kilometer flussabwärts liegt Gernsbach.

1219 wurde dieser Flecken zum erstenmal als Stadt erwähnt und schon im 13. Jahrhundert war Gernsbach Handelsplatz und ein Zentrum des holzverarbeitenden Gewerbes. 1488 gaben sich die Murgschiffer hier ihre erste Satzung (s. Flößerei).

Im Jahre 1387 ging die Hälfte der Stadt durch Kauf an die Markgrafen von Baden über, während die andere Hälfte im Besitz der Grafen von Eberstein blieb, bis dessen Besitz 1660 an das Bistum Speyer fiel. 1803 wurde der speyerische Anteil ebenfalls badisch.

Die Stadt wurde 1417 durch eine Feuersbrunst zerstört und im Dreißigjährigen Krieg fast vollständig eingeäschert. In der badischen Revolution 1848/49 fand hier zwischen Aufständischen und preußischen Truppen ein blutiger Kampf statt.

Die Stadt besitzt eine untere (St. Jakobs-) und eine obere (St. Anna-) Kirche. Erstere wurde im Jahre 1450 erbaut, durch Brand zerstört und 1693 wieder aufgebaut. In St. Jakob finden wir das Grab des Grafen Wilhelm IV. von Eberstein, 1562 schlossen sich die Steine über ihm.

Das Juwel Gernsbachs ist das aus rotem Sandstein erbaute heutige Rathaus im Stil der späteren Renaissance, 1617 als Patrizierwohnstätte (J.J. Kast, Holzhändler und Mitglied der Murgschifferschaft) errichtet.

 Über der Stadt findet sich ein Rest der früheren Befestigung, der Storchenturm.

Einer der berühmtesten Einwohner der Stadt war Karl Dreis, der badische Erfinder und Forstlehrer. Am 28. Juli 1817 war Gernsbach Ausgangspunkt seiner ersten Bergfahrt mit der Laufmaschine Draisine nach Baden-Baden.

Wir sind weiter am Fluss.

In einem Haus Ottenaus leben die Nachfahren einer Flößerfamilie und alle Geschichten der Familie ziehen an der blassen Tapete vorbei.

Anton Rindenschwender (*28.01.1725 in Gaggenau, † 4.05.1803 ebenda), der Pionier des Tales Gaggenau, erfüllt in Gesprächen Geist und Wort. Er gründete die Gaggenauer Glashütte, wurde Mitglied der Murgschifferschaft, machte die Alb floßbar und gab seinem Hofgut nach einem Besuch der badischen Erbprinzessin Amalie von Hessen-Darmstadt und ihrem Ehemann Karl Ludwig von Baden den Namen Amalienberg. Rindenschwender war dreimal verheiratet und hatte aus seinen drei Ehen dreißig Kinder, nur neun davon überlebten ihren Vater. Er hinterließ ein Vermögen von 200.000 Gulden. Nach seinem Tod ließ Großherzog Karl Friedrich ihm ein Denkmal errichten. Der Obelisk aus Sandstein steht heute am Gaggenauer Marktplatz. Die Inschrift lautet: „Dem Stifter des Amalienbergs, Beförderer des Landbaus, Gewerbefleißes und Handels seiner Gegend.“ [2]

1895 wurde hier bereits ein Automobil, der Orient Express, gebaut.

Im Zweiten Weltkrieg wurden ¾ der Stadt zerstört.  

Gegenwärtig ist Gaggenau eine prosperierende Industriestadt, die hauptsächlich durch die Produktionswerke der heutigen Daimler AG geprägt wird.

Wir erreichen das „Tor zum Murgtal“, Kuppenheim, vermutlich von den Römern gegründet, urkundlich erwähnt im 11. Jahrhundert und einer der bedeutendsten Ort des Ufgaus. War Kuppenheim im 16. Jahrhundert noch eine aufstrebende Stadt in der Markgraftschaft Baden-Baden, wurde sie im Neunjährigen Krieg (Pfälzischer Erbfolgekrieg) vollständig zerstört. Mitte des 18. Jahrhunderts prosperierte die Stadt, verlor 1935 das Stadtrecht und erlangte dieses erst 1950 wieder.

Im Dreißigjährigen Krieg entstand die Bezeichnung „Knöpflestadt“, dem bekanntesten Spitznamen Kuppenheims. Der Sage nach wurden die Kuppenheimer von den Schweden belagert und als die Nahrungsvorräte langsam zur Neige gingen, entschloss man sich zu einer List: Jeder sollte alles Mehl und Eier zusammentragen, um daraus „Knöpfle“, eine Art Spätzle, zu kochen. Diese wurden dann über die Stadtmauer geworfen, um den Feind glauben zu machen, man habe noch genug Vorräte. Da brachen die Schweden die vermeintlich erfolglose Belagerung ab und Kuppenheim war gerettet. [3]

Wir kommen nach Rastatt.

Und die Murg?

Sie fließt, ab Gernsbach von Dämmen bewehrt, in ihrem breiten Tal dem Rhein zu.

Seit zwei Jahren bekommt die Murg im Rahmen des HÖP (Hochwasserschutz- und Ökologiemaßnahme) und des LIFE+ -Projekts „Rheinauen bei Rastatt“ ein neues Bett. Die Dämme wurden zurückverlegt, zusätzliche 57 Hektar Überflutungsfläche geschaffen.

Das Stadtgebiet von Rastatt soll bis zu einem gesetzten Hochwasserniveau (Maximum von hundert Jahren) geschützt werden.

 

Renaturierung der Murg A

Die Murg fließt weiter durch die Feuchtgebiete der Rastatter Rheinauen

Murg 1km vor Mundung

 

bis sie bei Steinmauern in den Rhein mündet.

Murgmündung A


[1] Königlich Statistisch-Topographisches Bureau: Beschreibung des Oberamts Freudenstadt. 1858.
[2] Wikipedia.org, Anton Rindenschwender
[3] Wikipedia.org, Kuppenheim
[4] Ouvrage collectif de Heinz Plein, Erich Peter, Theo Kemper, BROST-Verlag GmbH, Rastatt, ebd.

 

Willi Andreas Weishaupt 2014
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