Carl Julius Späth

geb. 12. April 1838 in Steinmauern, † 2. April 1919 in Steinmauern

war Weber und Uhrmacher, verschroben, genial, Erbauer einer einzigartigen astronomischen Uhr.

Carl war das erste Kind eines Flachs- und Hanfwebers.
Die Eltern kamen aus Ottenau, da wo die wilde Murg endet und fanden in Steinmauern (1) ihr neues Zuhause.

Als er sechs Jahre alt wurde, half er zum ersten Mal seinem Vater am Webstuhl. Von nun an war Weben seine tägliche Arbeit.
Außer am Sonntag. Da gingen (fast) alle in die neugebaute Kirche und danach trafen sich die Männer im „Schiff“ oder in den Flößer-Wirtschaften „Anker“ und „Sonne“.

Carl ging zur Schule, arbeitete am Webstuhl, suchte Gold im Rhein, verliebte sich, schnitt Gras für die eigenen Kaninchen und für die Ziege auf den besitzlosen Inseln des Rheins, fing Fische und Krebse und sammelte Weinbergschnecken für die Franzosen. (2)

Im Revolutionsjahr 1848 flogen Kanonenkugeln über das Dorf.
Er bestand seine Gesellenprüfung und lernte von seinem Vater nicht nur das Weben, sondern auch vieles über das Uhrmacherhandwerk.
Carls Vater hatte bereits einen „Zahnstuhl“, eine Drehbank, mit der er Zahnräder herstellen konnte.

Mit 21 Jahren wird Carl zum Militär einberufen. Er absolviert die Grundausbildung und dient als Bursche bei einem Major in Mannheim.
Nach dem Militärdienst, zurück in Steinmauern, verlässt er das Elternhaus, geht nach Plittersdorf, kehrt nach Steinmauern zurück, übernimmt nach dem Tod des Vaters dessen Werkstatt und heiratet seine Theresa.

Die Weber bekamen immer weniger Aufträge. Die Webmaschinen in den Fabriken machten ihnen Konkurrenz.

Carl baute seine erste Uhr. Eine Pendeluhr - von den Zahnrädern bis zur Mechanik des geschnitzten „Mittagshahns“, vom gemalten Uhrenschild bis zu den Zeigern – sein Werk.
Er reparierte Uhren, aber davon konnte die vierköpfige Familie nicht leben.

Er plante eine Uhr mit Uhr-, Schlag- und Spielwerk. In einem Jahr sollte sie fertig sein.
Was seine Dorfnachbarn nicht erwarteten - und viele ihm auch nicht wünschten - geschah. Carl baute und verkaufte diese Uhr.

Seine nächste Uhr sollte noch komplexer werden. Tagsüber schloss er sich in seine Werkstatt ein, nachts ging er zur Murg.

Deutschland wurde Kaiserreich. Carl vermaß den Planetenlauf und die Positionen der Fixsterne.

Keines seiner Kinder durfte in die Werkstatt, keinem brachte er ein Handwerk bei.  Sein ältester Sohn ging in die Schweiz. Theresa hatte inzwischen sieben Kinder geboren.

Carl verkauft seine neueste Uhr an den Berliner Hof, der Kaiser hat Carls Pläne für seine große astronomische Uhr, die der bauen will, in den höchsten Tönen gelobt und lässt ihm dafür 300 Mark zukommen.
Die finanzielle Situation der Familie verbessert sich, Familie Späth kauft Grundstücke für ihre Kinder.

Eine große astronomische Uhr, wie die in Straßburg will er bauen. (3)

Er schuf sich Feinde bei seinen seltenen Wirtshausbesuchen. Dort prahlte er, dass der Kaiser seine Uhren verstünde, aber nicht die Dörfler aus Steinmaurern.
Er bedrohte den Jungendfreund seiner Frau. Im Wirtshaus schrie er ihn an und drohte, ihn zu erschießen, falls er noch einmal einen Fuß über seine Schwelle setzen sollte.
Carl wurde krankhaft eifersüchtig und Theresa und ihre Kinder hatten darunter zu leiden.
Er begann Briefe zu schreiben. Briefe, die ihm schaden sollten.

Ein seriöses Angebot zukünftig in Mainz seine Uhren zu bauen lehnt er ab.
Er will in seinem Dorf bleiben.

Aber seine Frau Theresa verklagt er, „wegen Prostitution“, nach zwanzig Ehejahren.
Theresa wehrt sich, auch mit falschen Behauptungen und erreicht, dass ihr Mann entmündigt wird.
Carl wird aufgrund Theresas Aussagen verhaftet, landet im Heidelberger Gefängnis und wird erst mal mit einer doppelten Bromidlösung ruhiggestellt.
Er wird „....als Querulant. Streitsüchtig, aber nicht gefährlich“ eingestuft (4) und nach Illenau verlegt. (5)

An seine Theresa schreibt er, wie gut es ihm hier gehe. Theresa schildert ihm die Lage der Familie. Sie müssten alle betteln und auch noch die Kosten seiner Haft bezahlen.

Carl kommt nach Hause.

Von vielen Menschen seines Heimatdorfes wurde er nicht mit offenen Armen empfangen. Einige hatten sogar gegen seine Entlassung interveniert.
Carls Familie hatte viele Schulden, auch beim Metzger.
Der Pfarrer ließ ihn nicht in die Kirche.

Das Unglück seiner Feinde war sein Glück.

Das Haus des Metzgers wurde versteigert und der Pfarrer zwangsversetzt.

Im Mai 1898 vollendete Carl seine große astronomische Uhr. (6)

 

 

 

Die vielen Besucher, die diesen Tempel der Zeit sehen wollten und nach Steinmauern kamen, machten Meister Späth bekannt und wohlhabend.

Theresa und ihr Jugendfreund erlebten diese Zeit nicht mehr.
Carl selbst wurde 80 Jahre alt.

Seine Uhr, die sich heute im Stadtmuseum in Rastatt befindet ist schon vor langer Zeit stehengeblieben.
Es fehlt ein genialer Uhrmacher.

Willi Andreas Weishaupt 2015
© Baden-GEO-Touren

1)    In Steinmauern (= schützende Mauern gegen das Hochwasser) mündete die Murg in den Rhein. Das Flößerdorf war ein Waren-Umschlagplatz. Hier wurde das begehrte Holz des Schwarzwalds zu Flößen zusammengestellt und rheinabwärts nach Rotterdam transportiert.
Und auf den Flößen fuhren die Schwarzwälder mit ihren Träumen den Rhein hinunter. Nach Amerika.

(2)        Wilderei war verboten, die Wilderer wurden erschossen, oft grausam hingerichtet.
    Fischerei war streng reglementiert.
Es gab „Herrenfische“ (Lachs, Stör, Karpfen und Wels), die das „niedere Volk“ nicht essen durfte. Vom Fang der erlaubten Fische konnte die jeweilige Herrschaft  noch ein Drittel  bis zur Hälfte für sich einfordern.

(3)    Die astronomische Uhr im Straßburger Münster wird Carl gründlichst studieren. 1842 hatte sie Schwilgué wieder in Stand gesetzt und erweitert. Sie stellt u.a. Erd- und Mondbahn, die Bahnen der Planeten bis zum Saturn und die Präzession der Erde dar.

    Carls große astronomische Uhr sollte noch mehr Funktionen beinhalten. Den Sternenhimmel über Steinmauern wollte er an den Beobachtern vorbeiziehen lassen. Kalenderräder sollten die beweglichen Feiertage der nächsten 4.000 Jahre anzeigen. Wie bei vielen Uhren dieser Zeit traten bewegte Figuren wie der „Mittagshahn“, der „Posaunenengel“ oder der Tod, auf.

(4)    Querulanten waren im 19.Jahrhundert per Gesetz geisteskrank.
Der Direktor der „Staatsirrenanstalt Zwiefalten“ schrieb in seinem 1889 erschienen „Leitfaden der Psychiatrie“:
    „...wer an Querulantenwahnsinn leidet, der prozessiert unter allen Umständen, wenn er irgend kann, er verfolgt sein verbrieftes Recht......mit Fanatismus... und zwar scheinbar, namentlich im Anfang, oft gar nicht in unvernünftiger Weise...Der Irre nimmt sich in fanatischer Weise des Rechts an....und er leidet an einem trotzigen Mangel für das wahrhaftige Gefühl des Unrechts, welches der Querulant anderen gegenüber begeht......
    Jeder richtige Querulant ist hochgradig lästig, fast jeder mehr oder weniger gefährlich. Die Unterbringung solcher Kranker in einer Anstalt ist deshalb in den meisten Fällen nicht zu umgehen.“

(5)    Die „Illenau“ (bei Achern) war eine seit 1842 existierende Heil- und Pflegeanstalt.

 

 

 

C.F.W. Roller („Die Irrenanstalt in all ihren Beziehungen“, 1831) war ihr Wegbereiter und erster Leiter. Das Projekt war getragen von den Ideen des 19. Jahrhunderts.
Konzipiert wie ein Barockschloss thronte in der Mitte das Haupt- und Verwaltungsgebäude, im rechten Flügel waren die Männer im linken die Frauen untergebracht.

Der damalige Leiter, Prof. Heinrich Schüle, förderte Carl.
Der reparierte die Uhren der Anstalt, bekam ab und zu Freigang (um Dokumente zu holen, oder nach Straßburg zu fahren) und konnte an seinen Plänen für seine große Uhr weiterarbeiten.

Diese Oase bestand fast 100 Jahre lang.
Im Winter 1940 wurden alle PatientInnen nach Schloss Grafeneck transportiert und dort ermordet (T4).

(6)    Eine zentrale Bandfeder und fünf Federhäuser trieben Carls mechanisches Universum an. Das zentrale Kalenderrad mit der Darstellung aller Zeiten dieser Welt, das Sonnenrad (1Umdrehung/24h), das Sternenrad mit den Tierkreiszeichen (1Umdrehung/Jahr), sein geniales Osterwerk, das u.a. die beweglichen Feiertage berechnete und die große Glaskugel, die den Nachthimmel mit den Wandel- und Fixsternen im Laufe des Jahres in nie gekannter Ausführung zeigte, koppelte er mit seinen animierten Figuren.

    Ein brüllender Löwe, ein fauchender Stier, ein flügelschlagender Adler und ein trompetender Engel symbolisierten die Apostel.
    Jeder Stundenzyklus begann mit dem Säugling und endete mit dem Greis.
    Jede Stunde krähte der Hahn. Bei jedem Viertelschlag kam der Tod.

Ohne die finanzielle Unterstützung seines Gönners Schwab, eines Uhrmachers aus Baden und ohne A. Gehrig aus Karlsruhe, der das komplexe Gehäuse herstellte, hätte Carl sein Projekt nicht realisieren können.

(7)    Beschreibung der astronomischen Uhr:

„Ich lasse die Uhr selbst sprechen“.

 Stund’ Minute und Sekunde,
Gibt mein Zeigerlauf dir kund,
Stundenschluss und Teilung kündet,
Treulich dir mein eh’rner Mund.

Aus den Tagen werden Wochen,
Wachsen Monde, Jahre an,
Dass ihr Lauf dir lehrreich werde,
zeig ich stets dies alles an.

Alle Teile meines Werkes,
Sind gebaut zu grösster Zier,
Was des Meisters Hand vermochte,
Opfert’ Fleiss und Liebe mir!

Im lebendigen Bilde zeige,
Ich dir auch der Sterne Bahn,
Stell sie bei den Sternenbildern,
Nur an richt’ger Stelle an.

Dich an Gottes allmacht mahnend,
Zeig ich dir der Sterne Lauf,
Führ’ des Mondes gol’ne Scheibe,
Wechselnd, kreisend, ab und auf.

Ihn sogar zur Sichel formend,
Immer wechselnd gross und klein,
Sonn- und Mondes- Finsternisse,
Alles stell ich richtig ein.

Lass die Bilder der Planeten,
Kreisend ihre Bahnen geh’n,
Magst am Kleinen hier du lernen,
Deines Gottes Allmacht seh’n.

Den Kalender mit den Festen,
Stellt mein Werk für jedes Jahr,
Osterfest und alles andere,
Selbst für hunderte von Jahr!

Gold’ne Zahl und die Epakten,
Geb für jedes Jahr ich an,
Sonntagsbuchstab, Sonnenzirkel,
Römerzinszahl zeigt mein Plan.

Alles dieses rech’n ich selber,
Dir zulieb im Werke aus,
Wie des Meisters Hand mich lehrte,
Jeden Fehler schliess ich aus.

Ob gewöhnlich’s oder Schaltjahr,
zeig ich gleichfalls immer an,
Jahreszeit und Tierkreisstellung
Künde ich in Bilder an.

Jahreszahl und Jahrsregente,
Fehlen meiner Kunde nie,
Und in Bildern zeig’ noch vieles
Ich dir gerne spät und früh.

Einen Engel mit Posaune,
siehst du ganz rechts oben stehn,
Kannst ihn auch beim Stundenschlag
Die Posaune blasen sehn.

Auch ein Kapuziner läutet
Dreimal „Ave“ jeden Tag,
Und mittags vor 12 Uhr „warnend“
Kräht mein Hahn mit Flügelschlag.

Dreimal lässt den Ruf er hören,
Tönt sein schrilles „Kikeriki“,
Dann wieder beim Erscheinen Petri
„Zweimal“-er vergisst es nie!

In der mittleren Säulennische,
stell das Bild des „Herrn“ ich ein,
Auf des Himmels Wolken kommend,
Wird der „Herr“ einst Richter sein.

Wird der Wunden Male zeigen,
Hält entrollt des Lebens Buch,
Das zum ew’gen Heil dem Guten,
Und dem Bösen wird zum Fluch!

Mag auch dir dann wahres „Alpha“
Und „Omega“ er nur sein,
Dass auch du dich seiner Gnade
Der Erlösung magst erfreun!

Mittags kannst du nach dem Schlage,
Der Apostel Bilder seh’n,
Ehrfurchtsvoll das Haupt verneigend
Am Bild des „Herrn“ vorübergehn.

Oben, unter Daches Mitte,
Zeigt ein Bild die Jahreszeit,
Der Evangelisten Bilder
Stell dir ein Relief bereit.

Sankt Matthäus wird im Bilde,
Stets ein Engel beigesellt,
Und ein Löwe ist mit Flügeln,
Zu Sankt Markus Bild gestellt.

Die Menschwerdung Christi lesen,
Wir in Sankt Matthäi Schrift,
dass den „Herrn“ als reinsten Menschen,
Keines Makels Vorwurf trifft.
Als Symbol des Königtumes,
Gilt der Löwe nah und fern,
Und als ewigen König schildert
Uns Sankt Markus „Gott den Herrn“.

Einen Stier mit Flügeln hat man,
bei Sankt Lukas aufgestellt,
Und zu Sankt Johannes Bild ist,
Eines Adlers Bild gesellt.

Als ein Sinnbild grössten Opfers,
Galt der Stier im alten Bund,
Grössten Opfers ewigen Priester,
nennt den Herrn Sankt Lukas Mund.

Schärfsten Blick bei höchstem Fluge,
Gab der Schöpfer nur dem Aar,
Darum gibt man Sankt Johannen,
Ihn als Symbol immerdar.

Wie des Adlers scharfes Auge,
Bei der Schwingen höchstem Flug,
Zeigen auch Johanni Schriften,
Dass der Geist ihn höher trug.

Reinsten Menschen, Opfer, König,
Nennen Andre ihren „Herrn“,
Sankt Johannes nennt in Ehrfurcht,
„Gott“ ihn, aller Geister Herrn.

Zeigt mein Bild im Frühling oben
Tönt mittags des Kuckucks Ruf,
Sommers preist der Schlag der Wachtel,
Ihn, der einst das All erschuf.

Zeigt mein Bild den Herbst im Plane,
Flügelschwingend brüllt der Stier,
Zähnefletschend brüllt der Löwe,
Zeigt das Bild den Winter dir.

Ein Engel kommt zur Viertelstunde,
Mit dem Palmenzweige,
Beim Viertelschlag der Sensenmann,
Um schnell die Zeit zu zeigen.

Mit dem Helm das Haupt bedecket,
Einer Waage, Schwert und Schild,
Mit dem Schwert die Viertel schlagend
Zeig’ ich dir ein Engelbild.

Jedesmal zur Viertelglocke
Kommt ein Menschenalterbild,
Eine Sanduhr stellt ein Engel,
Wenn der Stunde Lauf erfüllt.
Sinn und Deutung all’ der Bilder
Zeigt die heilige Schrift dir an.
Nur lebendiger Gottesglaube
Steht dem wahren Christen an.

Weitere Deutung meiner Bilder
Überlass ich jedem gern!
Mag mein Anblick dich erfreuen
Und erbauen nah und fern.

    C.J. Späth, 1888


Bildnachweis:

Wikimedia Commons:
- Karl Julius Späth, Rastatter Heimatmuseum, Fotografie: Martin Dürrschnabel
- Astronomische Uhr, Stadtmuseum Rastatt
- Illenau Gesamtansicht Nach einer Lithografie von J. Vollweider und C. Kiefer      Lithografische Anstalt L. Geissendörfer Carlsruhe - Reproduktion von Florian Hofmeister.


    Literatur:

    Gottfried Zurbrügg, Eine Uhr für die Ewigkeit, Casimir Katz Verlag, 2006
    Ein wunderbares Buch über Meister Späth

Dr. J.L.A. Koch, Kurzgefaßter Leitfaden der Psychiatrie , Ravensburg, Verlag der Dorn’schen Buchhandlung, 1889.